• Georg von Frundsbergs Rosinenschnecke

    "Mein Stress ist wasserlöslich", dieses Werbewort aus ihrem Kuraufenthalt in Bad Hall (Österreich) fiel Kornelia gestern ein, als wir ein weiteres Gesundi-Plantschbecken in der ferneren Umgebung von Bad Grönenbach eroberten. Diesen Spruch konnte ich kaum angemessen kontern mit meinem spontan erdichteten Vers "In dieser grünen Entengrütze / braucht man keine Bademütze!" Die Rede ist von der Natur-Therme Bedernau, die laut Memminger Anzeiger, den wir hier im Book Crossing Point von Bad Grönenbach jeden Morgen frühstückswarm auf dem Teller liegen haben, eigentlich zu Babenhausen gehört, aber wer über Memmingen nach Babenhausen fährt und dort nach eine Info über die Therme sucht, ist fies gekniffen, man fährt noch endlos über die Dörfer und kommt an der Ehrmann-Joghurtfabrik vorbei ("keiner macht mich mehr an" - aber von Fabrikverkauf weit und breit nichts zu sehen, es gibt wohl eine LKW-Waage, auf die man sich vor und nach Genuß einer Palette Erdbeeryoghurt stellen kann), schließlich durch weitere grüne Täler und Auen und erreicht endlich das Dallas des Allgäu, genannt Arlesried (bei Bedernau), wo bis vor wenigen Jahren (1964-1999) insgesamt 2 Mio. Tonnen Erdöl, dazu Erdgas gefördert worden waren.  Das Denkmal einer Ölpumpe erinnert daran.Badeteich Bedernau Laut Wikipedia-Artikel plante man bereits 2009 Probebohrungen und wollte 2010 ein neues Bohrloch in Betrieb nehmen. An dieser Stelle aber fand man heiße Quellen, die heute ein mäßig großes, nach Art eines sozialistischen Offenstalls teilüberdachtes Schwimmbecken füllen. Zur Liegewiese hin ersetzt ein Gazevorhang die Verglasung, ist natürlich schön luftig und verhindert Schimmelbildung. In den grünen Anlagen ringsum findet man wenige Bänke (eine konnten wir, da wir vormittags kamen, grade noch kapern), klangvolle Windglocken und einen hölzernen Tyrannosaurus Rex (gebastelt von der Schulklasse 3 c) sowie einen normalen Badeteich, dessen Besuch bei Verzicht auf das fluor-, natrium-, hydrocarbonhaltige Warmbad  etwas billiger kommt (die Therme kostet 6 EUR, und es gibt nur je drei Umkleidekabinen für Männlein und Weiblein). Das Gesundi-Becken bietet zwei Flächen mit Sprudelmassage  (wir fanden auf einer zu zweit Platz) und 2 Massagedüsen; ferner gibt es noch ein Dampfbad, wo man aber aufpassen muss, dass man die Knie nicht an den Knien des Nachbarn aufscheuert, so eng ist es. Wir kamen zwei- oder dreimal rein und wechselten jeweils Warmwasser- oder Dampfbadwärme mit dem kühlfrischen, biologisch durch Mikroorganismen gereinigten Badeteich.  Die Kinder, die im Lauf des Nachmittags mit schöller-blauen Leihschwimmhilfen den Dorfteich bevölkerten, gingen übrigens ganz ohne "Schnick, Schnack, Schnuck" ins Wasser. Ganz schön anstrengend auf die Dauer, wir legten dann noch eine eigene Brotzeit ein und verzichteten auf das reichliche Kuchenangebot für die im Thermalbecken schwatzenden Renterhorden.  Da tritt der rauchende, schöller-eisverkaufende Kassierer (in Personaleinheit Bademeister) auf, der auch dei Kinder zur Ordnung ruft, die den Schwimmerbereich des Badeteichs mit aufgeblasenene Rettungsringen betreten. Den Rand des Thermalbeckens nur mit Badeschuhen betreten! Ein Rädermeißel wird ebenso ausgestellt wie ein hässlicher Thron der Thermalnixe, gestaltet von dem Schreiner Lothar Schuster, auch eine Fontaine de l'amitié plätschert, der an die jumélage zwischen dem bretonischen Ploigneau (wie passend) und dem Allgäuer Weiler Bedernau erinnert. Eine Kneipp-Anlage findet sich außerhalb des Thermalbads, wir benutzten aber abends nach unserem Circletraining lieber die von Bad Grönenbach.

    Auf dem Rückweg über die Dörfer kamen wir dann unversehens nach Mindelheim, das im Reiseführer des ADAC als "kleinere Konkurrenz zu Memmingen" beschrieben wird. Mindelheim hat eine bewegte Geschichte, in der es von Kriegstaten und Feldherren nur so wimmelt, so dass es eigentlich der ideale Standort für ein "museum of war" sein könnte. Aber so martialisch wollte ich gar nicht anfangen. Zuerst wäre die nette, gescheite und friedlich-entgegenkommende Dame in der Touristeninformation im stattlichen Rathaus von Mindelheim zu loben, die uns in aller Kürze die nötigsten Daten zur Geschichte des Orts und die Sehenswürdigkeiten vermittelte. Mit unserem Badethermalteich hatten die Mindelheimer entfernt auch zu tun. In Maria Baumgärtle bei Mindelheim hatten Kriegsheimkehrer 1953 eine "Krieger- und Friedens-Wallfahrt" eingerichtet, die alljährlich am 1. Mai stattfindet. In diesem Jahr war auch eine Abordnung von zwei französischen Veteranen dabei, einer von ihnen war André Chouin,  Präsident des Veteranenvereins der bretonischen Partnerstadt: "Unsere Botschaft ", führte er aus, "ist die der Brüderlichkeit, Freundschaft und des Friedens für unsere Kinder und Enkel in Freiheit und gegenseitigem Respekt. Es lebe Bedernau. Es lebe Plouigneau. Es lebe Bayern und esen lebe die Bretagne!" Wir versuchten übrigens auch die Wallfahrtskirche Maria Schnee aufzusuchen, die wird aber gerade restauriert und neu gestrichen (bis Mariä Himmelfahrt am kommenden Sonntag wird das aber nicht mehr fertig), die Kirche war eingerüstet und mit Plastik umwickelt wie ein Kunstwerk von Jeanne-Claude und Christo, und der pinselschwingende Maestro grüßte nur kurz und ließ sich nicht bei der Arbeit stören.

    Frundsberg in Bronze am Rathaus von MindelheimAm Rathaus von Mindelheim ist eine Statue des Söldnerführers Georg von Frundsberg zu sehen, der in dieser Stadt geboren ist und auch starb. Er galt als "Vater der Landsknechte", stand im Dienst Karls V. und führte unter anderem Krieg gegen den Papst, als der nicht so wollte wie der Breitkinn-Stammvater des Habsburgerreiches. Er soll einen Herzinfarkt bekommen haben, als seien Söldner die Piken auf ihn richteten und er nicht zahlen konnte. Darauf kam es am 6. Mai 1527 zur Plünderung Roms im sog. "sacco di Roma", den er selbst wohl nicht gebilligt hat, aber auch nicht verhindern konnte. Jeden 6. Mai erhalten die Drittklässler von Mindelheim eine Rosinenschnecke, das sogenannte "Frundsbergweggle", und alle drei Jahre - als nächstes wieder 29. Juni bis 8. Juli 2012 - findet ein Frundsbergfest in Mindelheim statt, mit denen man wohl dem Wallenstein-Lager in Memmingen den Rang ablaufen möchte. Frundberg bewohnte die Mindelburg, seine Großnichte war Maria Fugger, die in das große Handelsimperium eingeheiratet hatte. Übrigens hatte im Mittelalter Ulrich von Teck das Städtchen regiert (nach schweren Fehden den Herren Walther und Heinrich von Hochschlitz abgeknöpft), der in einem rotmarmornen Grab in der Gruft der St. Stephanskirche beigesetzt ist. Ob der etwas mit der Teckburg in Kirchheim zu tun hat, war auf die Schnelle nicht zu ermitteln. 1616 erwarb Herzog Maximilian I. von Bayern (im Dreißigjährigen Krieg besiegte er die böhmischen Protestanten in der Schlacht am Weißen Berg) die Stadt und unter ihm wurde das Jesuitenkolleg gegründet. Und eine Zeitlang gehörte sie einem Engländer namens John Churchill 1st Duke of Marlborough Reichsfürst von Mindelheim - der keine Schlacht verloren hat und von dem das Liedchen bekanntlich singt, "Malbrough s'en va-t-en guerre", unter anderem gewann er gemeinsam mit dem Prinzen Eugen von Savoyen die verlustreiche Schlacht von Höchstedt, bekannt als "Blenheim" (über die Robert Southey ein berühmtes, u. a. von Arno Schmidt übersetztes Anti-Kriegs-Gedicht schrieb). Eine weitere, ebenfalls kriegerische - aber eher diplomatische - Heldentat einer Mindelheimerin war der Kniefall der Posthalterin Cäcilie von Dreer vor dem französischen General Férino, der 1796 die Stadt plündern und niederbrennen lassen wollte, weil man einen der Vergewaltigung beschuldigten, in Nassenbeuren einquartierten Soldaten umgebracht hatte, und der im Angesicht der Kinderschar und der Posthalterin davon abließ. Derlei lässt sich an den reichbemalten Fassaden der wunderschönen Stadt Mindelheim ablesen. Gasthof zur Laute in MindelheimNicht so reich, nur ein bisschen dekoriert, dafür ein stattlicher historischer Bau (leider geschlossen) ist das Restaurant "Die Laute", wo ich schon des Namens wegen gern mal eingekehrt wäre. Daher besahen wir noch die Jesuitenkirche und in dieser die Kapelle des Franz Xaver - mehr Rokoko als Barock, aber verspielter und farblich milde pastellgetönt, mit wunderbaren Dankbarkeitsszenen missionierter Indianervölker. Die Jesuiten sind ja auch ein kämpferischer Orden gewesen, Mindelheim rangen sie mit dem Stadtpfleger Sauerzapf um die Auszahlung der für ihr Kollegium bewilligten kaiserlichen Gelder. Aber ihre Vertreter waren die ersten, die sich mit der Sprache der von den Spaniern unterjochten Indios beschäftigt und gegen ihre grausame Behandlung als Zwangsarbeiter in den Silbergruben protestiert haben. St. Xaver tauft IndiosJesuiten-Rokoko in MindelheimBloß das Stadtmuseum mit der grade laufenden Scherenschnittausstellung konnten wir nicht sehen, denn es hat nur einmal in der Woche, Donnerstags, und dann noch, welche Verschwendung, an jedem 2. Sonntag im Monat auf! Wieso eine historisch interessante, für Durchreisende so sympathische und architektonisch prachtvolle Stadt nicht mal einen Ein-Euro-jobbenden Rentner bezahlen will, um ein Museum wenigstens halbtags, dafür aber ganzwöchig zu öffnen, wird mir immer ein Rätsel bleiben.

    Als wir an diesem Abend heimkehrten, lag etwas auf unserer Schwelle - eine bereits ersehnte Büchersendung von Evert Everts, der das uns zugesandte Buch gemeinsam mit Karl Rovers herausgegeben hat. Everts ( Rovers (Hg.): WolkenlandEs handelt sich um die Anthologie "Wolkenland", die von uns gesetzt, im Verlag Ralf Liebe mit der ISBN Nr. 978-3-941037-57-1 erschienen ist. (Das Titelbild war allerdings nicht unser Werk!) Das Buch enthält Gedichte, Erzählungen, einen dramatischen Text, einen Essay und den Auszug eines Jugendromans, alles Texte aus dem "Autorenkreis Rhein-Erft" um den Glessener Mediziner Gynter Mödder. Neben ihm und seiner Frau Renate Mödder-Reese sind u. a. Christa Wißkirchen, Isolde Ahr, Harald Gröhler, Hans-Josef Jungheim, Dietmar Kinder und natürlich Evert Everts und Karl Rovers darin vertreten. Auch von mir sind einige Gedichte, dazu die Erzählung "Katzenfutter" enthalten (für die Illustration hat Kornelia einen ihrer wunderbaren Scherenschnitte zur Verfügung gestellt). Nein, das Buch kommt noch nicht in den Book crossing point bzw. in das Billyregal unserer Gastgeberin - die Leute sollen es ja kaufen, nicht nur leihen. Der reichhaltige Band kostet doch nur läppische 10 EUR und soll von mir und Evert Everts am 12. September 2010, 11.00 im Kölner "Libresso" vorgestellt werden.


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  • Commentaires

    1
    hdorn
    Dimanche 15 Août 2010 à 10:12

    eine Vorbestellung für die Anthologie für unser Gymnasium,

    damit Wolkenland auch die Köpfe unserer Schüler erhellt!

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