• Freitod der Amselfrau

    Den Raupen entrann ich
    Gegen Pilze bekam ich Medikamente
    Aufgefressen wurde ich
    von der Blattlaus
    So frei nach Brecht könnte das Gedicht der Nachkriegsrose lauten, die in Adenauers Rhöndorfer Garten das Licht der Morgensonne erblickte und von der sich ein Ableger nördlich nach Köln in den Vorgarten unseres Mietshauses verirrt haben muss, so hochgewachsen und blütenreich nimmt sich der prachtvolle Stamm neben unserem Terrassenbalkon aus. Blüte über Blüte poppt auf und krönt in luftiger Höhe den Stock. Allerdings erfordert die Pflege dieses Pflänzchens nicht nur tägliches Gießen, sondern ständige Leibesvisitationen. Ich wusste schon immer, dass Gärtnerei was Perverses hat. Der widerspenstig Kratzenden mit behandschuhten Fingern unter den Blütenrock fassen - Blatt für Blatt befingern - die Stängel auch in Bodennähe mit süßem Tau benetzen - und, ja, den holden Duft einatmen und das Gesicht in volle Blüte versenken wie dieser Opi, dessen Frau von hinten ruft: "Machsten du da?" in einer der letzten Karikaturen des verstorbenen Satirikers Chlodwig Poth (nach dem in Frankfurt übrigens schon eine Grünanlage benannt ist). Vor über 200 Jahren hat das ja auch schon Christoph Martin Wieland in klassischer Schweinkramlyrik angedeutet:

    Das Gärtlein still vom Busch umhegt,
    Das jeden Monat Rosen trägt,
    Das gern den Gärtner in sich schließt,
    Der es betaut, der es begießt,
    Es lebe hoch!

    Aber halt! was ist das, was da unter dem Kelchrand krabbelt, durch die noch eingerollten, rötlichen neuen Triebe wurmt, sich zu Kolonien unter den Blättern ballt! BLATTLÄUSE und anderes Ungeziefer, das wir Tag für Tag bekämpfen müssen. Das zarte, duftige Wesen verlaust, löchrige Risse in der Haut oder gar aufquellende schwarze Quaddeln sind dem Lustgewinn des Gärtners abträglich. "Euch werd ich's zeigen!" (Chlodwig Poth) Die Raupen, Käfer und die schwarzen Blattläuse lassen sich noch einigermaßen bequem durch die Wasserwerfermethode (Spritzkanne) beseitigen, selbst in großer Höhe. Über Kimme und Korn visieren, Zielpunkt nehmen und zack! abdrücken, kein Flächenbombardement, versteht sich, sondern kurze, effektive Luftschläge. Heißa, da purzeln die ungebetenen Gäste von ihrem schwankenden Chlorophyllfloß und stürzen ins Ungewisse hinab! Bei den weißlichen Blattläusen, ein schleimiges Gezücht, muss man die härtere Tour fahren, die klammern sich geradezu verzweifelt an die Unterseite gerade der Blätter, wo man sie am wenigsten vermuten möchte, und müssen einzeln abgerieben werden, hinterher kann man allenfalls die Finger, an denen sie saugnapfartig klebenbleiben, mit der wassergefüllten Spritzpistole reinigen. Raupen - na schön, die schleudern wir ins Gras, gegen Schmetterlinge haben wir ja auch nichts. Aber alles Unnütze, das der reinen Schönheit der Rose abträglich ist, wie dieses vermaledeite Blattlausvölkchen, gehört gnadenlos ausgemerzt. Ich wusste schon immer, dass Gärtnerei was Faschistoides hat.

    Dazu gehört auch die Einteilung in "unerwünschter Schädlingsfraß" und erwünschte, ja bewillkommnete und bewirtete Gäste. Die Meisen führen zu festen Tischzeiten ihren Akrobatenzirkus auf, aber gestern, bei starkem Wind und unberechenbaren Böen, hielten sie sich auffallend zurück. Dafür kam gegen 16.00 - wir saßen gemütlich bei Gemüsepizza und grünem Thee -, ein bräunlicher Vogel direkt auf uns zu, vielleicht wollte er an den Knödel? Aber er war viel zu schnell, mir schien, dass er schon unsicher trudelte, und plonk! knallte er gegen das Küchenfenster und fiel rücklings in den Balkon runter. Ich stürzte hinaus, wollte ihn in die Hand nehmen, da zuckte er noch was und legte den Kopf zur Seite. Dank google-Bildsuche wissen wir, dass es eine Amselin war. Unser Fenster wird ja auch von Elstern angesteuert, die sich - zum Ausbaldowern der Entfernung zu den darüber hängenden Meisenknödeln - in die Küchenkräuter setzen (lässt sich durch Wäscheklammern am Blumentopfrand verhindern), und heute früh sah meine Frau einen prächtigen Buntspecht, der keine Schwierigkeiten hatte, sich am Meisenknödel zu bedienen. Einen Grünspecht und einen Eichelhäher hatte ich schon neulich in der Vogelbadewanne entdeckt - leider auch ein Amselweibchen, das vor Tagen noch lustvoll herumplantschte, vielleicht war's dasselbe, das auf unserem Balkon verunglückte und binnen Sekunden den Tod fand? Oder war es in der Vorgartentanne nistende Mutter, vorn, direkt vor dem Rosenstock (neulich erst hörten wir den Nachwuchs fiepen)? Litt sie gar an einer postnatalen Depression, sah sie, nachdem die Brut sprechen gelernt hat und womöglich flügge geworden ist, keinen Sinn mehr im Dasein und raste absichtlich ins Verderben? Gut, wir haben große Fenster, aber nie hat sich ein Vogel an die Scheibe verirrt, und eine Warnsilhouette drankleben wollen wir auch nicht, nachher trauen sich die Meisen nicht mehr an den Futterplatz... Wenigstens hat sie nicht lange leiden müssen wie das Tier in diesem fast schon unappetitlich rührenden Vogelschützerblog. Wer weiß, wenn sie überlebt hätte, wäre ich genauso verzweifelt gewesen und hätte versucht, ihr zu helfen, sie zum Tierarzt geschleppt... aber so luden wir den kleinen Leichnam auf die Kehrschaufel und schleuderten ihn über den Zaun in das Brachland. Unfreiwillig verhalfen wir dadurch wohl auch noch den gefiederten Räuberbanden zu einer Abendmahlzeit. Sie werden's uns nicht zu danken wissen, die sich gegenseitig in Schach haltenden Elstern und Raben, oder die hochmütigen Falken, die in den Schornsteintürmen der ehemaligen Ziegelei nisten.


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  • Commentaires

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    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Vendredi 27 Mai 2011 à 13:35

    Noch ein Wort zu Vogeleltern. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie brutal die Erziehungsmethoden bei Vogels sind. Wenn die Eltern der Meinung sind, die Jungen sollten jetzt aus dem Nest und fliegen lernen, füttern sie sie einfach nicht mehr, setzen sich in einiger Entfernung auf einen Baum und lassen die Brut schreien, Stundenlang, wenn nötig auch länger. Und dann, wenn man als Mensch erstens das Gebrüll und zweitens den Gedanken an die verendenden Vögelchen nicht mehr ertragen kann und fast zur Futterdose greift, breiten diese plötzlich ihre Flügel aus und fliegen. Das habe ich auf der Terrasse erlebt, eine junge Amsel, die partout nur zu Fuß gehen wollte, und die Jungvögel auf der Veranda bei meiner Schwester. Das kann nerven, wenn viel Vögel gleichzeitig stundenlang schreien. Also seid gewarnt, Füttern ist dann nicht angeraten, sozialpädagogische Maßnahmen sind nur was für verweichlichte Menschenkinder.


     

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    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Samedi 28 Mai 2011 à 18:29
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