• Eine Sehensunwürdigkeit weniger

    Denjenigen, die uns besuchen und die gern im Grüngürtel spazieren, konnten wir bisher ein Spektakel zeigen, über dem die Kreisregierung gemeinsam mit der Sittenpolizei zum 1. Mai (Tag der Arbeit!) den Vorhang senkte. Nuttomobil-GeländeDie Nähe der Kaserne, des Großmarkts und des Autobahnzubringers hat zwar nicht dazu geführt, die Tante-Emma-Läden (Lebensmittel, Schreibwaren, Drogerie) unserer main street zu erhalten. Hier gibts nur noch Bestattungsunternehmen, Pflegedienste, Krankengymnastik, Apotheken, Kosmetik- und Frisiersalons; Richtung Zollstock kommen noch Floristik, Cafés und Grabsteinmetze hinzu. Doch ein anderes, horizontales Gewerbe, das angeblich-älteste der Welt, hatte bis kürzlich Hochkonjunktur. Und das nahm sich so aus: Direkt am Militärring, auf bundeswehreigenem Grundstück (seltsamerweise soll das bei dem Parkstreifen an der Seite der Fall sein) hatte sich seit Jahren eine Wohnwagenkolonie etabliert. Wie die so Stoßstange an Stoßstange stehen, eine abgestellte Mobil-Rostlaube neben der anderen, hätte man fast den Eindruck eines Campingplatzes an der Côte d'Azur (eines, wo Zelten verboten ist) gewinnen können. Brühler-StraßenprostitutionManche der Hütten waren von LED-Girlanden erleuchtet, einige der Rückfensterchen ließen Herzchen sehen oder auch Namen in Zierschrift wie KITTY, NIKKI oder LYUDMILA. Nur von Gartenzwergen und Jägerzäunen, wie sie im Bergischen Land die Schlafstätten der Dauergäste zieren, war nichts zu erkennen. Auch Rast und Muße suchte man auf diesem Rastplatz vergebens, denn rund um die Uhr war hier ein Abbiegen und Schrittfahren und Anhalten wie am Flughafenterminal - das ging praktisch morgens in aller Herrgottsfrühe los, erreichte nach den normalen städtischen Büroschlusszeiten ca. 16.00-19.00 den Höhepunkt und war nach 22.00 immer noch nicht zu Ende, winters wie sommers! Morgens kamen allerdings die schwereren Kisten, da wurde wohl abkassiert, und bullige Glatzköpfe mit mannscharfen Kötern machten die Runde. Übrigens standen auch auffallend viele Wagen mit einzelnen Fahrerinnen in den Wald-, Rad- und Fußgängerwegen herum, die sonst noch vom Militärring abgehen. Und weiter zum Bonner Verteiler zu, in einiger Entfernung vom Wohnwagenfriedhof, sah man schon am frühen Nachmittag hochhackige Spaziergängerinnen in Minishirt & Glitzerkleidern am Rand des Grünstreifen stolzieren, selbst in nächtlicher Finsternis ohne reflektierende Warnschutzwesten! Jahrelang lief das so seinen kölschsozialistischen Schlendergang, angeblich war nichts zu machen, seit 2005 ist Prostitution nicht mehr verboten, sogar sozialversicherungspflichtig, und weil kein Kindergarten in der Nähe sei und  der stadtauswärts gelegene Teil des Grüngürtels nicht mehr zum Stadtgebiet gehöre, weil die Stadt Hürth auch kein Interesse an der Angelegenheit zeige, weil weit und breit nur Autobahn, aufgelassene Fabrikgelände, Containerbahnhof und Kaserne angesiedelt seien (angeblich kein Wohngebiet), die Kreisregierung zuständig sei und so weiter... kurz, man ließ alles beim alten und damit zu, dass eine Bulgarenmafia sich und ihre Pferdchen hier fest installierte. Allerdings hatte man zu Jahresbeginn 2010 den Kalscheurer Weiher und seine Ufer neu gestaltet, der liegt wenig tiefer im Grüngürtel, ein Verein hat dort ein nicht-kommerzielles Kaffee- und Bootsverleihbüdchen eröffnet, in der Nähe entsteht neue Wohnbebauung, und schließlich sind sogar wir hierhergezogen (immerhin ein Beitrag zur intellektuellen Gentrifizierung). Sonntagsspaziergänge in den Grüngürtel, Jogger/-innen zuhauf, das sog. Umfeld wandelte sich... Und als gar die ambulanten Damen (das schien eine Konkurrenz zu den Wohnwagen-Behausten zu sein) bis nach Meschenich auf der Landstraße anschaffen gingen (mit Kühen und Rapsfeldern als Hintergrund, ein seltsamer Anblick), wo in letzter Zeit selbst bejahrte Dorf-Omas an der Bushaltestelle von Autofreiern angequatscht wurden (ein befreundeter Lyriker sagte neulich, seine zwei hübschen Töchter hätten als studentischen Ferienjob mal eine "Verkehrszählung" am Militärring durchführen sollen, die könnten Abenteuerliches berichten!), war der politische Wille da. Plötzlich gab es eine Bürgeranhörung, die Kreisregierung wurde aktiv und seit 1. Mai 2011 gelten neue Sperrgebietsgrenzen. Sperrbezirke in KölnDiese sehen zwar vor, dass Nachtarbeiterinnen von 20.00 bis 6.00 auch am Grüngürtel und in angrenzenden Vierteln tätig sein dürfen, nicht aber zu Tageszeiten, nicht auf dem Weg nach Meschenich und insbesondere nicht in fest auf dem Parkplatz installierten Wohnmobilen. In Nullkommanix waren die ganzen Apparillos verschwunden und vermutlich hat man den Platz anschließend auch noch von Myriaden von Einwegspritzen, gebrauchten Kondomen und Viagra-Streifenpackungen reinigen müssen. (Bei uns gegenüber besitzt jemand so ein überdimensionales Blechhotel, besitzt auch noch ein zweites Trumm in der Art - wir parken schon möglichst unser Auto vor dem Wohnzimmerfenster, damit wir nicht dauernd auf die "Knaus"- oder "Hymen"-Fassaden - sprechende Markennamen - starren müssen. Er stellt sie fast täglich von hinnen nach dannen - Fahndungsfotonicht wegen der Parkplatzsache, man darf ja nicht ununterbrochen auf der Stelle stehen, sondern er ist oft tagelang nicht und dann wieder da, und ich hab den leisen Verdacht, auch das Vermieten an die Mafia könnte lukrativ sein...) Inzwischen geht nämlich der Rummel am Containerbahnhof Eifeltor weiter (das ist der weiße Fleck auf der Sperrbezirkskarte), dort dürften sich inzwischen die Wohnwagen knubbeln, denn da war schon kaum noch Platz für Konkurrenz, wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete. Was mich am meisten dabei wundert, ist die Tatsache, dass es gar keine Prost-Institution in der Nähe gibt. In meiner Jugend konzentrierte sich das Angebot in der Innenstadt, an der sogenannten Brinkjass, da lagen die Apartements und Stundenhotels, vor die hatte man sogar ein Mäuerchen gezogen, damit wir Kinder nicht die lange Schlange einsamer Männer sähen, die sich ziemlich hinzog. Sinnigerweise zweigte die Brinkgasse von der "Ehren"straße ab, die eine hohe Kneipendichte zum Mutantrinken besaß und deshalb besser Schandenstraße geheißen hätte. Das wurde dann aufgelöst und ein sog. "Eros-Center" an der Inneren Kanalratte eingerichtet (zum Stadtteil "Ehrenfeld" gehörig!). Worauf sich der Straßen-, Kneipen- und Autostrich schwemmflutartig in der Innenstadt vermehrte. Ich wurde selber angesprochen, damals noch langhaarig! Denn um in das Eros-Center zu kommen, musste Mann sich das ja vornehmen, und zumindest ein Aspekt dieses Geschäfts besteht (möchte ich vermuten!) doch darin, beduselte Saufnasen abzuschleppen, die guter Dinge sind, sich gern vor dem Heimgehn noch was aufmuntern lassen, sowieso nicht mehr recht wissen, wie's geht, und nach etwas Gerubbel beseligt ihren Fuffi rausrücken. Ein anderer Teil der Kundschaft fährt zielgerichtet dorthin (oder lässt sich bringen - Taxifahrer kriegen in bestimmten Saunaclubs 50 EUR, wenn sie ihre Gäste vor der Tür abladen), wo man sich nach Feierabend amüsieren kann ("ich komm heut später, Schatz, mal wieder 'ne Konferenz!") -, aber doch nicht, wo in Neonleuchtschrift "Eros-Center" drübersteht und man womöglich fotografiert wird oder einem Journalisten auf Recherche begegnet. Biegt man hingegen am Parkstreifen beim Heeresamt ein, kann man sich ja auch verfahren haben ("ich wollte nur den Sicherheitsgurt richtig einschnappen lassen!") oder fährt wieder raus, falls man vor sich das Nummernschild vom Wagen des Abteilungsleiters erkennt... Jedenfalls ist zur Zeit "Ruhe im Puff", wie man humorig sagen könnte, der Caravanstrich hat ein Ende. Wovon mögen nun die bulgarischen shareholder leben? Der Übelste von ihnen, in der einschlägigen Szene unter dem Decknamen "Nutten-Nikolaj" bekannt, ist übrigens landflüchtig, von ihm existiert nur ein unscharfes Fahndungsfoto. Sachdienliche Hinweise nehmen alle Polizeidienststellen sowie die Verkehrsministerin entgegen!

    Karikatur Karl Arnold

     "Ja, Kleenes, wie icke noch bei't Jeschäft war, war pervers nur Sache des feinen Kavaliers - aber seit die Umwälzung valangt ooch der einfache Bürjer sein Recht!"


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  • Commentaires

    1
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Samedi 28 Mai 2011 à 12:41

    Sind Bestattungsunternehmen nicht auch ein horizontales Gewerbe?


    Auf der B67 von Bocholt nach Borken gibt es einen kleinen, von Bäumen notdürftig versteckten Parkplatz, auf dem auch immer ein Wohnwagen parkt. Lange Zeit dachte ich, die abgestellten Fahrzeuge gehörten durchreisenden Fernfahrern und Campingurlaubern. Bis mich eine ortskundige Kollegin von meiner Naivität erlöste, Inzwischen stehen dort zwei Wohnmobile, man munkelt, es seien Mutter und Tochter, die dort ihre Dienste anbieten. Und sie haben offensichtlich gut zu tun. Auch das platte Land ist ein Sündenpfuhl.


     

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