• Eine Meile von Gurs nach Rodenkirchen

    Wer in Köln interessante Kunst sehen will, kann natürlich ins Wallraff-Richartz-Museum oder ins Museum Ludwig gehen oder ins Kunsthaus Rhenania oder in die Kunststation Sankt Peter. Eröffnung der Kunstmeile Rodenkirchen 2013Aber da müsste er sich schon Siebenmeilenstiefel zulegen, denn diese Ausstellungsorte liegen weit auseinander. Enger beieinander und an einem Nachmittag abzuschreiten sind die periodisch wiederkehrenden "Kunstmeilen", die meist rund um einen verkaufsoffenen Sonntag vom Verein der jeweils Gewerbetreibenden eines bestimmten Viertels organisiert werden. Da beteiligen sich dann Fachgeschäfte, Einrichtungshäuser, therapeutische Praxen, Optiker, Sparkassen u.v.a. und werden zu Ausstellern mehr oder minder passender Werke. Wir hatten auf diesem Blog schon die Kunstmeile Longerich angesprochen, von Künstlern initiiert, die es bisher 2x gab, aber sie ist eigentlich nur eine verarmte Cousine der luxuriösen Rodenkirchener Kunstmeile, die weit bessere Presse und großzügigere Mäzene hat. Sie wurde nämlich vom Goldschmied Jürgen Alius (ob das ein Künstlername ist, weiß ich nicht, aber seine Kreativ-Kreationen sind sehenswert) erfunden und findet gerade zum elften Mal statt. Und da wir die wenigen Kilometer von Raderthal nach Rodenkirchen mit dem Bus zurücklegen können, sind wir hingefahren, zur Eröffnung (da regnete es allerdings in Strömen) und zum verkaufsoffenen Sonntag (da hatten wir aus andern Gründen wenig Zeit, und kalt war's auch). Ich hatte aber Gelegenheit, mir die Bilder von Manfred Weil anzusehen, Ausstellung Manfred Weil bei Alius, Rodenkirchendessen Schwägerin seit einiger Zeit mit mir korrespondiert und die mir auch ein Buch über sein Leben geschenkt hat. Und was für ein Leben! Mit 15 Jahren erlebte der junge Mann, dessen Mutter katholisch und dessen Vater jüdischen Glaubens war, im Frühjahr 1933 Denkmal für das Lager Gursdie Nazi-Machtergreifung. Er besuchte eine jüdische Schule und lernte das Handwerk der Tischlerei, eigentlich wollte er nach Palästina (daher das Handwerkliche, obwohl ihm die Kunst besser gefiel), aber dann verpasste er den Absprung, ging nach Antwerpen, wo er an der Kunstakademie studierte. Als die Deutschen Belgien überfielen, wurde er ins Lager Gurs deportiert (zufällig war ich vor einiger Zeit in Mannheim, wo man mit Entfernungsschildern aManfred Weil, im Katalog blätterndn die Deportation badischer und insbesondere Mannheimer Juden dorthin erinnert). Von dort hat Weil eine tollkühne Flucht gewagt und ist - wider Erwarten nicht nach Westen, über die Pyrenäen geflohen, sondern nach Belgien zurückgekehrt, wo er das Wagestück unternahm, sich Papiere zu besorgen,Masnfred Weil heute die keinen "J"-Stempel trugen. Mit diesen Papieren, die er auch seinem Bruder verschafft hat, ist er - und das war vermutlich sein Glück, weil niemand damit rechnen konnte - wieder nicht nach Westen oder in eine Hafenstadt gegangen, um zu fliehen, sondern hat sich als "germanischer" Belgier anwerben lassen für den Arbeitsdienst im Deutschen Reich. Offenbar hat er sich mit seinem Bruder mehrere Jahre in diversen Fabriken im Reichsgebiet aufgehalten und gelegentlich auch "gestreikt", was selbst deutschen Arbeitern nicht möglich war. Ein vergleichbares Schicksal erlebte der Exilschriftsteller Georg K. Glaser, der in Paris als Kunstschmied arbeitete und dort schon naturalisiert war, als er bei Kriegsausbruch eingezogen wurde und als französischer Kriegsgefangener zur Zwangsarbeit nach Deutschland  musste, immer in der Angst, seine Identität als deutscher Schriftsteller und einstiges KPD-Mitglied könnte entdeckt werden. Schließlich aber 1942 entschlossen sich die Brüder Weil, wieder über die grüne Grenze zu gehen, diesmal in die Schweiz. Auch hier Arbeitslager und Straflager und Knast, wegen Widersetzlichkeiten gegenüber den ausbeuterischen, teils antisemitisch gesinnten Kommandanten. Die Schweiz als Emigrationsland wird hier in düsteren Farben geschildert. Aber: "Ihr kriegt mich nicht!" heißt ein Filmprojekt, das sich mit seiner Biographie beschäftigt und demnächst realisiert werden soll. 1945 kehrte Manfred Weil zurück, trennte sich auch von seiner Schweizer Freundin, die er erst 16 Jahre später wiedersah. Er ging ins völlig zerstörte Köln, wo er an der Werkschule und an der Universität im besser davongekommenen Bonn studierte, sah seine Mutter wieder, die in Leipzig ebenfalls NS-Drangsalen ausgesetzt war, während sein Vater im Vernichtungslager umgekommen war. Heute lebte Manfred Weil in Meckenheim, ein Freundeskreis organisiert verschiedene Aktivitäten rund um sein Lebenswerk. Ich hab mir die Biographie, die eine Historikerin namens Mechthild Kalthoff sehr flüssig und spanned geschrieben und mit aufschlussreichen Aktenzitaten angereichert hat, vom Künstler signieren lassen, der hat's dann irrtümlich seiner Schwägerin gewidmet, ich darf es aber trotzdem behalten.

    Jetzt bin ich über das Leben des Künstlers ganz von der Kunstmeile weggekommen. Die bei Alius ausgestellten Manfred-Weil-Bilder sind alle gut bis hervorragend (wir hätten beinah eins gekauft, aber der Preis war dann doch jenseits unserer Möglichkeiten,Michaela Merzenich auf der Kunstmeile Rodenkirchen 2013 und woher bei uns eine leere Wand finden?), wenn auch auf unterschiedliche Weise. Man merkt, dass der Maler viele Jahre kunstgewerblich tätig war, Klein-Kunst für schmale Beutel: Mann und Frau genügen sich selbstund bei der Auswahl mehr auf die Wünsche seiMichaela Merzenich auf der Kunstmeile Reodenkirchenner Kundschaft Rücksicht nimmt als einem stilistischen Eigensinn oder einer epochalen Berufung zu folgen. Und das ist ja auch ganz richtig so, denn hier in Rodenkirchen kann der Künstler mit einem Käuferkreis rechnen, der sich die Bilder auch leisten kann.  Wäre ich allerdings Galerist und er noch jung und unbekannt, würde ich ihm raten, sich auf eine Werkgruppe zu konzentrieren und mit dieser sich einige Jahre durchzuhungern, bis sein Name unverwechselbar eingeschrieben ist in den Katalog der Moderne. Aber ganz so modern will Manfred Weil auch gar nicht sein. Ich würde gern mal in sein Atelier gehen und eine ganz persönliche, mir zusagende "Top Ten" aus dem Fundus unverkaufter Bilder heraussuchen. Da sind bestimmt Entdeckungen zu machen. - Die hier gezeigten Bilder sind hingegen "brav", vor allem an Vorbildern aus dem Picasso-Umfeld orientiert, besonders die Zeichnungen - z. B. Frauenakte, die sinnigerweise in den Schmuckvitrinen neben schönem Halsschmuck von Alius liegen - erinnern in ihrer Leichtigkeit und der Linienführung an Jean Cocteau, anderes, als hätte man einen Picasso vor sich, der sich in einer den Biographen bisher unbekannten, "grünen" Periode der naiven Malerei in ihrer Schlichtheit und Lebensfreude hingegeben.

    Der Künstler Kunstmeile Rodenkirchen 2013kam mit seiner Familie und weiteren Gästen noch selbst, als wir in der Ausstellung herumstanden, als es dann voller wurden, verdrückten wir uns und schritten die Kunstmeile ab. Spanische Wand nach Petersens BearbeitungDabei sahen wir noch einiges andere, mehr oder minder Überzeugende, monochrome "Schürfbilder" beispielsweise (wie ich sie nennen würde, einfach die Farbe mit dem Spachtel abgezogen), mit denen ich nichts anfangen kann, einen mystisch (wie der Wald von Binham vor das schottische Schloss) ins Dreidimensionale vorrückenden roten Stängelwald von Jeannette de Payrebrune und die karikaturhaften Tierbilder der Gerda Laufenberg, die sich auf diese Weise der Pflicht zur Familien-Porträtierung entledigt. Das gefiel uns sehr gut, auch die comic-ähnlichen Arrangements von Mädchenbildern, die Michaela Merzenich ("Mime") pJan Malte Petersens Sorgensuppeassend zum Boutique-Ambiente in die Marc-Rheingalerie stellt. Bei Jan Malte Petersen, der eine Kollektion satirischer, teils patrairchats-, teils kapitalismuskritischer (und daher im noblen Rodenkirchener Umfeld durchaus widerständig wirkender) Gebrauchsbilder für Liebhaber von Titanic-Scherzen auf rosafarbene, den Neid meiner ebenfalls künstlerisch tätigen Gemahlin erregende Stellwände montiert, leuchtete mir die spanische Wand mit eingeschnittenen Rotkreuz-Gucklöchern ein, zumal sein Oeuvre bei Betten-Bischoff im Einkaufszentrum Sommershof Quartier gefunden hat. Diese Kunstwerke sind übrigens sehr preiswert bzw., haben auch ein vernünftiges, ready-made-faires Preis-Leistungsverhältnis, man darf  keinen Eiffelturm von Delaunay mit Picasso-Nordlichtern dran verlangen, aber das Bild von der (Warhols Campbell's-Werbung nachempfundenen) Castor-Konserve mit Strahlemann-Warnhinweis auf dem Deckel würde in manche 70er-Jahre-KKW-Gegner-WG-Küche passen, wenn's die noch gäbe.


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