• Dialog der T(r)auben

    Wann hab ich zuletzt einem "Dialog der Früchte" gelauscht? Das muss schon etliche zwanzig Jährchen her sein. Ananas als BrillenhalterDiese Spezialität war wie ehedem "Waldorfsalat" oder "Toast Hawaii" noch zum Ende des vorigen Jahrhunderts der Inbegriff eines exquisiten Menügangs. In aller Regel war schon das Wort Dialog unscharf ("Hindurchfließen"),Weihnachtsbaum auf dem Balkon und selten handelte es sich um ein Zwiegespräch (Duolog), zB. zwischen Pfirsich Melba und Birne Helene, vielmehr um Tria-, Quadro- und sonstige -loge zwischen plaudernden Pflaumen, quatschenden Quitten, lispelnden Litschis und säuerlich grinsenden Zitronenscheiben. Mitunter schnitt ihnen noch eine vorlaute Kirsche das Wort ab, die mit ihrer Herkuft aus Maraska, Maraschino oder Armagnac auftrumpfen wollte, in Wahrheit aber als Gastarbeiterin aus dem Piemont eingewandert war. Der die bevorstehende Edelfresswelle begleitende Weinführer eines großen Discounters - derselbe, bei dem man auch 48 Sektgläser für 37,99 € bestellen kann - erinnerte mich jetzt wieder an jene wortgewaltigen Auseinandersetzungen zwischen Obst und Südfrüchten. Da wimmelt es von Beeren-, Veilchen- und Bananennoten, "frischen und fruchtigen Aromen von grünen Äpfeln und Quitten", "Rosen- und Akazienblüten" (wie riechen noch mal Akazienblüten?), neben denen man "pfeffrige, würzige und herbale Elemente" unterscheiden soll. "Nektarinen, Pfirsiche und grüne (!) Bananen runden das Bouquet ab", heißt es von einem Rivaner "mit cremigen und frischen Strukturen", und ein Trollinger wird wie folgt beschrieben: "Im Duft typische Noten wie Kirsche, Erdbeere und mit einer feinen Note von roten Johannisbeeren. Geschmacklich verwöhnt er mit Süßkirscharomen und leichten Pflaumennoten." Ich wußte schon immer, Inkognito-Millionäre versorgen sich bei Supermärkten, die auf -ny, -li, -di oder -to enden. Der Konkurrenz-Discounter hat auch so ein Heftchen aufgelegt, darin dominieren eher "Mandel und Vanille", Barrique- und Eichenholznoten (was sagt eigentlich die Stiftung Warentest über die Nutzungsdauer von Fässern, die offenbar nie gereinigt werden?) sowie Robert-Parker-Punkte. Entschuldigen Sie vielmals - hätten Sie möglicherweise einen Wein im Angebot, der nach Wein schmeckt? Na gut, zur Not nehme ich den mit den Strukturen, das kann nicht schaden, außer wenn zuviel Schmieröl im Beton war, der vorher in dem Tanklastzug transportiert wurde. - In solchen vorweihnachtlichen Prospekten blättere ich gar zu gern, wegen der populär formulierten Geschmacksurteile und sonstigen Erkenntnisse, denen die Basis als Fundament jeder Grundlage nicht abgeht: "Champagner ist ein außergewöhnliches Getränk, das hervorragend zu besonderen Anlässen serviert werden kann. BrotreklameIm Unterschied zu Sekt und anderen Schaumweinen hebt sich der Champagner vor allem durch seine Finesse, die typische Note und den besonderen Charakter ab." Fehlen nur noch das gewisse Etwas, der feine  Flair und das Schönneßäkà. Okay, diese Produkt-Empfehlungen in Weinkatalogen haben vor allem den Sinn, dass der Gastgeber später weiß, welche Sprüchlein er beim Einschenken aufsagen muss ("Dieser Wein hat Charakter, knackige Beerenaromen, eine angenehme Textur und einen appetitanregenden Abgang"), und wie man als Gast aOrtsschild in Lustbronnngemessen kontert ("Ich habe mal dem traditionellen Traubenstampfen nach einer Weinlese beigewohnt. Man sollte meinen, die Winzer wüschen sich vorher die Füße, aber...") Was sind "knackige Beerenaromen"? Welche Trockenleberauslese "präsentiert sich in einem leuchtenden Strohgelb mit Zitrusfrüchten in der Nase"? Wenn das so 'ne Art dionysischer Kostümball sein soll, dann her mit den Mänaden, bitteschön! Aber man ahnt schon: Gourmandise vom Discounter ist der neue Sex. Bekanntlich bieten alle diese Ladenketten ein Edelfress-Angebot in besonders designten Packungen an. Hier räkeln sich laszive ZanderfiletsCapunti im Discounter-Angebot ("Weißes, saftiges Fischfleisch, äußerst delikat") zwischen Kamm-Muscheln ("ohne Rogen, glasiert") und Garnelenkränzen ("teilgeschält, mit Schwanzsegment"). Da flutscht das Balsamico beim Entkorken der Flasche "durch seine cremige, reichhaltige Konsistenz aus, die bei den Italienern als 'Denso' bezeichnet wird", da entfaltet ein aus "Coralina, Ogliarola, Carolea und Ottobratica" gekeltertes Olivenöl "seine eher grünen Aromen" auf mit Bronzeformen genudelten Pastaspezialitäten wie "Capunti alla Puttanesca" (warum diese Soße so heißt, findet ihr hier) - wann ruft Alice Schwarzer zum Boykott dieser Filialen des Satans auf? Ahnt denn der Papst nichts davon? weiß die Französische Nationalversammlung, was hier für Sauereien üblich sind, an den Feiertagen der Jungfrauengeburt, der Heiligen Familie?


    Tags Tags : , , ,
  • Commentaires

    1
    Vendredi 6 Décembre 2013 à 16:38

    Genieß mal ein Gläschen "Was-immer-du-willst" aber nicht n'importe-quoi und stOß auf deinen Heiligen an, Nikolaus! Ich wünsche dir einen beseelten Advent ...

    Suivre le flux RSS des commentaires


    Ajouter un commentaire

    Nom / Pseudo :

    E-mail (facultatif) :

    Site Web (facultatif) :

    Commentaire :