• Der Treff in Adelsheim (Notizen eines Neulings), 1979

    SAMSTAG, 17. März
    Heidelberger Hauptbahnhof, Nahverkehrszug Richtung Osterburken 11 Uhr 22 Gleis 4 b. Ein früherer Anschluß war nicht zu kriegen, von Köln aus. Den Klampfenkoffer ins Gepäcknetz, Beine auf den Sitz. Schulkinder, eine gackernde Meute, stürmten bisweilen das Abteil, um an namenlosen Bahnstationen wieder davonzuströmen. Wenn es Namensschilder gibt, enden sie auf -ach,-au-, -ingen und -burken. Einen guten Wein soll es hier geben. Der Neckar: eine faulbraune Flut; dürre Bettelsträucher hängen voll Trübsinn ihr Gelumpe hinein. Grüngewellte Hügel ringsum, säuberlich mit Obstgärten und Dorfkirchen bestückt. Weiße Magrittewolken werden auf blaßblaue Leinwand getürmt: Postkartenglück für den Großstädter.

    ADELSHEIM (Nord),
    natürlich doch am falschen Ende gelandet. Noch drei Kilometer bis zum Ort, erfahre ich von einem blonden Jüngling, bevor sein Moped ihn murrend wegträgt. Wind zerrt an den Klamotten. Ein frisches Plakat pappt am Wartehäuschen: "Bitte entnehmen Sie die Teilnehmer der Tagespresse". Sehr erfreut (was liest man denn hier so??).
    Der Kongreß macht Mittag im "Löwen". Mich kennt keiner, schmuggle mich an einen Tisch, dämpfe meine Menschenangst mit überlauten Worten (wie sonst mit Liedern - ). Stephan Rögner sieht ganz anders aus, als ich dachte. - Man bringt mir zu essen.

    ABENDS.
    Schon wo viele Gäste sind, ist viel Pack. Dreiundzwanzig aktive Liederdealer versammeln sich hier. Die einen wißbegierig, in Lumpen & Loden, mit mühselig zerfusselten Liedern und wenig Bühnenerfahrung. Die anderen leicht geglättet, den ersten Stapel Platten unterm Arm, Insidergrinsen und mediengerechte Diskussionsbeiträge. Der große Haufe zwischen den Extremen. Das Fernsehen war so, wie das Fernsehen eben ist. Bei fünf Minuten Regionalprogramm bleibt auch von der penetrantesten Profilierung (gottseidank) nichts übrig.
    Allerdings wirkt kein einziger so professionell, daß er ein solches Treffen nicht nötig hätte. Was dem Neuling sehr sympathisch ist.
    Zentral-Haupt-Über-Problem No. 1 (eins): Wie zum Teufel lernen wir, auch in großen Gruppen zielsichere, demokratische Arbeitsgespräche zu führen? Bis jetzt bloß verkrampftes Gehader, in dem der Kaffeeklatsch mit Sahne stark durchschmeckt. Fühlt sich der - stets als Einzelkämpfer ausgebildete! - neukommende Liedermacher in seiner individuell-künstlerischen Zwangsjacke besonders wohl? Liegt es daran, wenn uns das Gespräch so oft in Umwege, Einbahnstraßen, Sackgassen lockt?
    Hier und da dämmert Unmut. Themenvorgabe, straffe Diskussionsleitung etc. wird gewünscht (= der starke Mann?). Einige fahren nach Hause. Die meisten Workshops sind ausgefallen.
    Eben. In unserer Kindheit wurde, selbst bei liberalster Erziehung, alles Organisatorische von Oben entschieden. Heute sind wir erwachsen, wissen alles besser, stellen uns Ansprüche und wollen mitmischen. Kein Wunder, wenn's drunterunddrüber geht: wo haben wir je gelernt, in der Gruppe ohne Führer und Vormacher auszukommen? Also kein spezifisch künstlerisches Problem: in Bürgerinitiativen ohne "Parteiführung" dasselbe. Ein zeitraubender Lernprozeß, über den keiner jammern sollte. Mir ist das unordentlichste Geschwafel lieber als die monophone Vorlesung.
    Zweite Erkenntnis: Wer Stellung nimmt, ohne Bescheid zu wissen, neigt (auch ungewollt) zum Vorurteil. Die allerorts unerfreuliche Entwicklung unseres Staates - heimliches Grundthema in allen Gesprächen - macht es verdammt schwer, Vorurteile zu vermeiden, indem wir den Mund halten, wenn wir keine Ahnung haben. Die Leute im Knast sehen folglich vieles ganz anders und müssen uns zudem noch aufklären!
    Leider sind wir in der Überzahl und hören bloß immer von ihnen. Wer eine Knaststudie machen wollte, ist schlecht beraten. Die reformfreudige Adelsheimer Anstalt - mit Haftstrafen bis höchstens ein Jahr - ist gewiß kein besonders übel-abschreckendes Sozialghetto. Aber grade drum!, wegen ihrer Alltäglichkeit, eine Herausforderung an unser Können (der Durchschnitt ist im Lied viel schwieriger zu gestalten als das Extrem).

    DAS KONZERT.
    Viel zu viel, und von allem zu wenig. Ein friedfertig gewaltloser Sängerkrieg, der nicht mit einer Mundvoll Sätze zu beschreiben ist. Jeder verläßt sich auf das Standard-Material Gitarre / Gesang / Mundharmonika, allenfalls Flötenbegleitung, und versucht damit sein Bestes. Währenddessen stehen wir in Kleingruppen und tauschen den Eindruck aus (nicht ohne zu lästern!). Ich höre hin und stelle fest: Habe noch viel zu lernen. Besonders bemerkenswert: Ein jeder hat einen eigenen Stil, Doubletten gibt es heute abend nicht.
    Mein Auftritt war ziemlich am Ende, bis dahin schnorrte ich allerhand Flüssiges, daß der Sopran geschmeidig werde. Zu diesem Zeitpunkt, elf-halbzwölf, gefiel mir die Stimmung am besten. Die Zuschauer klebten an den Sesseln oder lagerten auf dem Boden, bewunderungswürdig in ihrer Gier und Ausdauer, und ganz Ohr.
    Ungeheure Nikotinschwaden wälzen ineinander, geistern durch den Hitzekegel der Beleuchtung. Drei Tonbänder mahlen unaufhörlich und gleichgültig mit ihren Magnetzähnen. Zuweilen zuckt ein Fotoblitz. Zwischen Instrument und Kabel geklemmt wie ein Astronaut, schwitze ich auf dem Delinquentenstühlchen und gröhle mir einen ab. Viel zu hektisch und nervös - doch der gar kostbare Zwischenapplaus war Salbe für meine zerfransten Nerven.
    Nach dem Konzert wurde im Jugendhaus gefeiert. Unsere hilfreichen Gastgeber standen wieder hinter der Theke. Für ihre Freundlichkeit möchte ich besonders danken. Nach fünfzehnhundert Worten kroch ich treppauf zu meiner Schlafcouch. Mein Hirn schwamm in Rotwein, und ein flüsterndes Bächlein leitete mich in den Schlaf.

    SONNTAG, 18. März.
    Bahnhof Waiblingen. Schmatzende Wolkensaurier werfen die ersten Regentropfen. Halbe Stunde Aufenthalt, während die Müdigkeit mein Denken eintrübt.
    Die Diskussion heut vormittag, zwischen Publikum, Knastleuten und Liedermachern war gewiß die ergiebigste. Neben einer nützlichen Kritik ging es mal wieder um Lieder & Politik. Ob im Lied die Gesellschaft kritisiert werden müsse. Ob auch Alternativen geboten werden sollten. Ob der Sänger in den Pausen (oder in den Texten) zur massenhaften Unterstützung realer historischer Bewegungen (DKP) aufrufen solle. Da flogen die Fetzen. Und manche Tür stand sperrangelweit offen, um eingerannt zu werden.
    Ich war erstaunt: hier war keiner, der sich um die Notwendigkeit politisch engagierter Lieder drücken wollte. Niemand hat vor, im stillen, fensterlosen Kämmerlein beglückende Blümchenverse zu schmieden. Jeder fühlte die Verantwortung vor dem Publikum so überschwer, daß seine Zuschauerin über zu viel Stirnfaltigkeit in den Problemliedern vom Samstagkonzert klagte.
    Und genau da liegt der Haken. Vom Lied wird allerhand verlangt: aufrichtig und kritisch, musikalisch einwandfrei und originell etc. soll es sein (möchte wissen, wieviele Bestseller-Literaten sich vergleichbaren Ansprüchen aussetzen!).
    Aber das Lied ist doch keine politische Medizin, hat doch keine schlüsselfertigen Lösungen zu verschenken - da muß der Zuschauer schon selbst für sorgen. Oder sind wir die großen Polit-Gurus? Seid doch mal ehrlich: Wir können bloß Nasen, Augen, Ohren offenhalten, unsere Erfahrungen wiedergeben, unsere - ganz persönliche - Parteilichkeit vermitteln. Möglicherweise machen es sich manche mit ihrem Handwerk zu leicht! Man darf von uns erwarten, daß wir über unseren mittelständischen Alltagshorizont hinausgehen. Wir müssen unserem Publikkum von der geschichtsabgewandten Seite der Gesellschaft berichten können (z. b. Knast), selbst wenn es das nicht gern hört. Doch ein allzu aufgeblähter Anspruch verhindert den Spaß an der Sache, ohne den keiner mitgeht.
    Mit solchen Ansätzen im Kopf liefen wir nach dem Mittagessen auseinander. Vorher wurde noch manche Telefonnummer ins Notizbuch tätowiert, und Festivals werden verabredet. Man sollte ganz andere Sachen organisieren... mit Puppen und Masken arbeiten... endlich mal über Auftrittsbedingungen sprechen...
    Alles fürs nächste Mal.

    Nachtrag: DIENSTAG, 3. April.
    Und schon schwimme ich wieder in der kleinlichen Alltagsarbeit, finde kaum Zeit zum Musizieren... Vor einigen Tagen trafen freundliche Briefe ein, aus Offenbach, Frankfurt und Berlin... Sogar ein Teller Kartoffelsalat ist mir sicher, da sag ich nicht nein. Für mich eine Neulingserfahrung, denn hier herum hat's kaum Liedermacherkollegen oder wenn, dann spielen sie mehr Irish Folk oder Rockjazz. Und im Großstadtlabyrinth verläuft man sich. Ich werde Nichtkölner!!!
    Zwei Zitate:
    1. Wo man singt, da laß dich ruhig niederschlagen. Deutsche Sänger lieben keine Zwischenfragen. (Arnfried Astel)
    2. ...muß gestehen, daß mir diese melodischen Popsongs mit ihren differenzierten Stimmungen und den manchmal sentimentalen Untertönen legitimer erscheinen als die oft verlogenen Produkte deutschsprachiger "Liedermacher" mit ihrer "Aussage"-Wut und dem dilettantischen Geklimpere auf Gitarre oder Klavier. (Franz Schöler über die neue George-Harrison-LP, ZEIT 2.3.1979)
    Müssen wir uns das bieten lassen? Ich denke nein. Das Treffen hat gezeigt, daß zumindest die Newcomer bereit sind, einem hohen Anspruch an ihr Können nachzukommen.


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