• Bras dessus, bras dessous

    Bras dessus, bras dessous

    Frankreich? "In Frankreich ist das Volk der Souverain", sagte im Februar 1848 ein Stammgast der Berliner Salons, "und Louis-Philippe nur der König." Und der Souverän hat sich ja kraftvoll zu Wort gemeldet. Dieser Souverän hat sich erst selbst zu einer Massenkundgebung aufgerufen und ist kurzerhand ohne Leibwächter hingegangen, am Donnerstagabend, als die schießwütigen Dumpfbacken noch immer Fluchtautos wechselten und erst nord-, dann südwärts fuhren. Wer hätte den Souverän auch schützen können, z. B. vor einem Selbstmordkommando mit Sprengstoffgürtel? Und am Sonntag ist der Souverän großzügig genug gewesen, seinem kurzfristigen Stellvertreter im Elyseepalast ein weiteres Stelldichein am Republikplatz zu gewähren. Der lief in den letzten Tagen zu ganz großer staatstragender Form auf  (wie Helmut Schmidt nach Mogadischu - SPIEGEL-Titel: "Der bewunderte Deutsche" -, als sich die Terroristen, teils mit Nachhilfe, selbst aus dem Weg geräumt hatten). Helmut Schmidt machte damals den Feldwebel, anders kann er nicht. Hollande, der Sparkassendirektor, machte sich gut als Chef des Krisenstabs. Wenn ich mir die Riege der Spitzenpolitiker angucke, die zum Ausklang des Wochenendes auf dem Weg zur Place de la République einen hübschen Cancan zu tanzen schienen, muss ich an meine Schulzeit denken, da machten wir sowas unter Absingen des Marschliedes, nee, nicht der Marseillaise (ein dämlicher Kommentator behauptete, das sei die Hymne der Meinungsfreiheit, allerdings finden sich darin auch gewaltverherrlichende Zeilen wie "unreines Blut tränke unsere Furchen!", das hätte man in Deutschland längst bereinigt), sondern als Kinder sangen wir mit hämmerndem Rhythmus: "Wir sind dumm, wir rennen alle um!"Bras dessus, bras dessous Leider schwangen die Anzugträger nicht auch noch die Stelzbeine, dafür war der Altersdurchschnitt denn doch zu hoch, nicht mal einen zünftigen preußischen Stechschitt konnte man aus der Regierungschefriege erwarten. Vorn sah es daher ein bißchen nach Sylvester oder Karnevalszug aus, mit Schunkel-Polonäse der Heiligen Familie Europas, Mutti und Papi in der Mitte, extrem weit auseinander die verfeindeten Zwillinge Ishmael (call me Abbas, not Ahab) und Israel (Netanjahu hätte die französischen Juden ja am liebsten gleich mit nach Hause genommen, nach Netanya - immerhin die Stadt, die seinen Namen trägt), dazwischen der Schwager aus Polen und der allen peinliche Onkel aus Mali, nicht ohne seinen Cowboyhut. Was machte eigentlich der glücklich abgewählte Sarkozy mittendrin? lautete die Rätselfrage "wer passt nicht in die Reihe?" Diesen besonderen Moment, wo diese Menschenkette abgestimmt stehen bleiben musste, dirigierte Hollande wie ein Tanzmeister (wie Zach aus A Chorus Line) - das hätt' ich untertitelt mit: "Ich werde euch aufrütteln und sehen, wer ihr wirklich seid, undisziplinierte Bande!" Etwas Strenge musste sein, versteht sich, damit die Oberhäupter nicht wie im Slapstick-Film durcheinanderpurzeln. Habt ihr auf dem Foto mal die Gesichter der Bodyguards in der zweiten Reihe angeguckt? Da waren echte Charakterdarsteller darunter, abgebrühte Schurkentypen, jeder von ihnen wert, als Statist einer "Paten"-Filmserie hinten im Ambulanzwagen zu sitzen, mit Schlips und schwarzen Anzügen armiert und mit entsprechenden Geigenkästen, hier wirkten sie etwas unbeschäftigt, was sollten sie machen, wenn von vorn das Feuer eröffnet worden wäre, hätten ihre Auftraggeber den Kugelhagel für sie abgefangen. Dem Souverän hat der Zirkus nichts ausgemacht, diese Polonäse hat er geduldet. Einigen der Teilnehmer wurde recht flau ums Herz. Unsern Vizekanzler sah man später zerknautscht; seine Miene wie versteinert (ein bißchen wie bei Helmut Kohl nach dem Schlaganfall, war Gabriel der staatstragende Gesichtsausdruck vor lauter Übung stehengeblieben). Er stand neben der dummes Zeug faselnden Merkel (sie sei stolz, "das" zu unterstützen, und dass wir nach all den geschichtlichen Ereignissen Freunde Frankreichs sind und in diesen schweren Stunden an der Seite aller Menschen in Frankreich stehen), und durfte ihr nicht ins Wort fallen. Der deutsche Innenminister mit dem Hugenottennamen sagte heute früh im Radio, es wäre eine warme (!), schön-traurige Atmosphäre gewesen, (ganz anders als bei der cold-blodded Innenminsterkonferenz, weil die Landespolizeien ihre Daten auf Vorrat sammeln wollen und der Justizminister, bei allen sonstigen Verschärfungen, da Bedenken hat) und Mutti schmiegte sich sogar auf einem Foto mit geschlossenen Augen an Papis starke Brust, so hält zusammen, was zusammen abhört. Ich weiß ja nicht, was am Mittwoch in Charlie-Hebdo zu lesen ist, das aber sähe zumindest ich gern karikiert!

     

    "Der Patriotismus des Franzosen besteht darin daß sein Herz erwärmt wird, durch diese Wärme sich ausdehBras dessus, bras dessousnt, sich erweitert, daß es nicht mehr bloß die nächsten Angehörigen, sondern ganz Frankreich, das ganze Land der Civilisazion, mit seiner Liebe umfaßt; der Patriotismus des Deutschen hingegen besteht darin daß sein Herz enger wird, daß es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, daß er das Fremdländische haßt, daß er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Teutscher seyn will." (Heinrich Heine)

    "Faudrait pas oublier qu' ça descend dans la rue
    Les anarchistes
    Ils ont un drapeau noir
    En berne sur l'Espoir
    Et la mélancolieBras dessus, bras dessous
    Pour traîner dans la vie
    Des couteaux pour trancher
    Le pain de l'Amitié
    Et des armes rouillées
    Pour ne pas oublier
    Qu'y'en a pas un sur cent et qu' pourtant ils existent
    Et qu'ils se tiennent bien bras dessus bras dessous
    Joyeux et c'est pour ça qu'ils sont toujours debout..." (Leo Ferré)


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