• ...bekannt aus Film, Funk und Fernsehen: Abraham Lincoln

    Gestern haben wir uns im "Rex am Ring" (auch nur noch ein Schuhkartonkino) Steven Spielbergs Lincoln reingezogen. Da qualmt der Hauch der Geschichte aber dermaßen dick aus allen Leinwandporen, da brauchste keine 3-D-Brille, wobei mir fast peinlich war, dass wir zuvor beim Rathaus die neue hyperschicke, zumthor-ähnlich holzlattenverkleidete U-Bahn-Station der 5 benutzt hatten (die nächste auf der Strecke südwärts, am Waidmarkt, ist noch unbenutzbar, da muss erst der Staatsanwaltslift in den "Begehungsstollen" fertig werden, in den Krater, in dem das Stadtarchiv verschluckt wurde, und zwar zur "Beweissicherung", ein halbes Jahrzehnt nach der Versenkung unserer 1500jährigen Aktenberge)... Wir geschichtsvergessenen Europäer kBölls Glastürönnen heilfroh sein, wenn bei uns nach dem heimrichen Noböllpreisträger mal eine Glastür in der Südstadt benannt ist. In Amerika, da weiss man Tradition noch zu schätzen. Der Film hat jede Menge Komparserie, wer immer einen Backenbart oder eine Furchenstirn sein eigen nannte, wurde gecastet (und zwar Männer, das war nun mal so in der damaligen Politik, die Mädels gucken höchstens oben vom Zuschauerrang runter und sind daher nur halb zu sehen). Spielberg durfte sogar die originale Taschenuhr von Lincoln ticken lassen. In der synchronisierten Fassung allerdings, die wir sahen, tickt nichts richtig, außerdem wurde ich nervös, weil der Schauspieler mit dem Zeigefinger gegen das kostbare Teil flitscht, und die rauhbeinigen Parlamentsredner krakeehlen auch nicht ganz so überzeugend. Aber dann wieder die Inneneinrichtung, wie aus "Landhaus living", im aulde country style: Jede Menge Bibliothekswände mit Lederrücken, Teakholz, alte Dokumente, und dann schimmert und blitzt in all den Brauntönen plötzlich was Goldenes, der Notgriff am Schreibtischaufsatz oder was weiß ich und man denkt: Benson & Hedges! Racke Rauchzart! Feinste cubanische Fehlfarben-Havannas mit elfenbeinernem Ratsherrensilbermundstück, und tatsächlich kräuselt sich schon der Qualm aus einer solchen, den der Außenminister dem antichambrierenden Dorfdeppen-Paar ins Gesicht bläst. Das White House erinnerte sowieso an eine Hotelkette für besonders konservative Touris. Und dazwischen dann dieser Brite, der schon in Gandhi und Im Namen des Vaters mitgespielt hat & inzwischen die irische Ehren-Staatsbürgerschaft hat, und so groß ist, dass er permanent gebückt gehen muss, um ins Kamerabild zu passen. Kohl hat ja mal in Lincolns Bett geschlafen, die Körpergröße war nicht unähnlich, aber der Knebelbartträger war viel magerer als der Vierfachkinnige. Jede Menge Abiturienten und Politiklehrer im Publikum, das Popcornfuttern ("mittlere" Portion, kam uns wie ein Fass vor)  haben wir aber pietätvoll eingestellt. Spielberg hat im Interview angedeutet, man könne sich auch  einen Film vorstellen, der den  Einfluss von Frederick Douglass auf Lincoln darstellt, und da sage ich natürlich; JA, Meister Spielberg, ran an den Speck, und natürlich die Nebenfiguren nicht vergessen, ich sage nur: "Love across Color Lines!" und vor Schreck hat Missouri daraufhin endlich die Ratifizierung des 13th Amendments, die erst 1995stattfand, der Registratur des Staatsarchivs in Washington auch mitgeteilt, weshalb sie erst im Februar 2013 registreirt und damit wirksam wurde (Lincolns Geburtsstaat Kentucky hat es bereits 1976 ratifiziert, nur 131 Jahre nach der Abstimmung im Kongress). Der Schluss mit dem Umritt durch die Leichenberge von Petersburg, Virginia, wo ein hippiebärtiger Veganer auf dem Rücken liegt und röchelnd offenen Auges in den Himmel starrt, als halte er nach Regenwolken über Woodstock Ausschau, die war dann doch ein bisschen dick aufgetragen, wie überhaupt der Film nach der glücklichen Verabschiedung des Amendments und der Gutenachtlektüre des Radikalrepublikaners Thaddeus Stevens mit seiner schwarzen Aufwarte- bzw. Zitat aus begeisterten Dankschreibenheimlichen Ehefrau (beim Gutenachtkuss hätt man das Licht ausmachen sollen, aber es ging viertelstundenlang weiter) ins Irrsinnige abgleitet, alle gucken sich nur noch bedeutungsschwanger an und sprechen in Sätzen, die man gut & gerne ins Mount-Rushmore-Felsmassiv meißeln könnte, vorher hatte das Plüschige und Perückige an der Ausstattung davon abgelenkt. Das kann man sich trotz des ermüdenden Schulfunkanteils und der fritz-lang-mäßigen Massenszenen (immer so gruppiert um irgendein Zentrum, selbst wenn sie nur mal eine Treppe hinunterstürzen) mit Vergnügen am lebendigen 19. Jahrhundert anschauen. Hätte gern das damals aktuelle Stück im Ford Theatre noch weiterverfolgt, aber da musste die Kamera schon auf den grünlich beleuchteten und, als wär er grad vom Kreuz abgenommen worden, aufs Bahrtuch gebetteten Lincoln schwenken, der in der Rückblende auch noch mal ganz christusmäßig die Arme ausbreitet und den Schulkindern, die sie auswendig lernen müssen, nun noch einmal seine berühmte Rede vorsagt.


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