• Arno Schmidt - eines Dichters Ganzjahrhundert

    Jetzt ist also der 100. Geburtstag von Arno Schmidt vorüber, und vermutlich darf das Presseecho, wie ja schon 1979 die reichhaltigen Nachrufe, darauf hindeuten, dass der Autor in die deutsche Nachkriegs-Literaturgeschichte eingebürgert wurde. Inklusion, yeah, gewissermaßen, und das war auch nötig, denn als Wortmächtiger Rebell ließ Arno, so Klaus Bellin im Neuen Deutschland (18.1.2014) nicht mit sich spaßen: "Wer Mäßigung von ihm verlangte, ein paar Zugeständnisse vielleicht, war an der falschen Adresse." Im selben Blatt hatte am 14.1. Martin Hitzius festgestellt: "Heute würde ein Arno Schmidt als Asperger-Autist mit erschwerender Hochbegabung diagnostiziert und integrativen Maßnahmen zugeführt werden."
    Ein "Grantler mit riesiger Zettelwirtschaft" war Schmidt laut Roland Mischke im Südkurier (18.1.2014), und auch Ulrich Rüdenauer in der Zeit  (18.1.2014) ist der große Grummler, Misanthrop und Grantler eine aufmunternde Betrachtung wert: seine "leicht missmutige, misanthropische Stimmung gepaart mit unbedingtem Schreibwillen", der "Gesichtsausdruck [...] meistens: trocken, sachlich, mürrisch", der "stiere Buchhalter-Blick": da ist am "Geniestatus kaum zu zweifeln". Und Leser mögen, fordert der Journalist auf, "sich ranhalten und getrost mal einen Bogen um den neuen Dan Brown oder Daniel Kehlmann" machen, dies illustriert mit der extrem unscharfen Aufnahme (oder braucht es dazu eine Brille von "28 Dioptrien", taz v. 17.1.2014) eines Zettelkastens.
    Mein Elvis hieß Arno, lautet das Bekenntnis eines "abgeklärten Jüngers" und "Ex-Fan, der nun lächelnd auf die Torheiten der Jugend zurückblickt" namens Kurt Scheel ("als Literaturwissenschaftler selbstverständlich" - selbstverständlich? - "Avantgardebefürworter") in der taz vom 18.1.2014. In jüngeren Jahren, Oktober 1971, war derselbe Scheel nämlich bei einer von Jörg Drews veranstalteten Tagung in Bargfeld gewesen, hatte ein Bier nach dem andern in Bangemanns Gastwirtschaft gesoffen und sein Bild kam in den Spiegel: "Ich bin der zweite von rechts, dieser schlanke Jüngling im weißen Anorak." Rückblickend auf das Romanwerk beklagt er sich aber "kopfschüttelnd über die Enge des dort herrschenden Denkens und die Aggressivität des soziophoben Intellektuellen". Ein Scheelm, wer Böses dabei denkt! Manche suchen in der Literatur die Bestätigung eigener Ansichten und Weltanschauungen, und so blieb Schmidt bei Scheel vor allem ein "missgelaunter Misanthrop, ein Angstbeißer mit leichtem Asperger-Syndrom" und, als besonders übel, als "Beatles-Hasser" in der besonnten Erinnerung. - "Je nach Lust und Laune warf dieser Schriftsteller alle bekannten Rechtschreibregeln über den Haufen, die uns gerade eingepaukt worden waren", erinnert sich auch Wolfgang Müller im Freitag (17.1.2014): "Dabei sah Schmidt eigentlich selber aus wie ein Stereotyp des spießigen Studienrates", und die Beatles habe er gar als "Krampfhennen" bezeichnet.
    Der unvermeidliche Dietmar Dath in der Frankfurter Allgemeinen findet "Löcher in jenen Konzeptarchitekturen", die Schmidt mit den gemäß seiner Berechnungen verfassten Romanen hinterlassen habe; der Kritiker selbst hält sich zurück, beschwört aber, Leute zu kennen, die sich beschweren, "dass das, was bei Schmidt anfangs charmante Tricks sind, später monomane Ticks werden, oder darüber, dass er am Ende so wenig an einem Gegenüber auf gleicher Höhe interessiert war, dass auch sein erotisches Ideal nur mehr das unmündige Mädchen sein konnte, das ihn anhimmelt".  Andererseits sei er "für allerlei Schrullen, die aus der splendid isolation folgten, kultisch geliebt" worden (Feuilletonredaktionen sollten jedesmal, wenn im Zusammenhang mit Arno Schmidt ein Begriff aus dem Wortfeld "Kult" fällt, ans Autorenversorgungswerk der VG Wort einen Cent abführen). Im Übrigen habe Schmidt - bei Datmier Dieth geht alles immer ein wenig von hinten durch die Brust nach vorne - als "der größte je vorhandene deutschsprachige Science-Fiction-Autor" einen Code vorgetäuscht und "musste so tun, als gäbe es den Code, der seine Versuche absichern konnte, aber seine Versuche zerstörten diesen Code immer gerade da, wo sie glückten".
    In der Süddeutschen Zeitung machen mir die Stichworte Spaß, unter denen ein namenloser online-Arno-Schmidt-Artikel, für den der Volontär eigens in die Lüneburger Heide auf die Pirsch geschickt wurde ("Irgendwo in der Ferne brummt der Motor einer Landmaschine") thematisch verlinkt ist; man könnte sie auf Zettel schreiben und wie Spielkarten mischen, bevor man mit der Niederschrift des Artikels beginnt, aber auch in alphabetischer Reihenfolge hintereinander gelesen ergeben sie den abgeschlossenen Kurzroman: "Arbeitszimmer, Auto, Celle, Erde, Film, Grundstück, Günter Grass, Hamburg, Heinrich Böll, Herzinfarkt, Jan Philipp Reemtsma, Kaffee, Lüneburger Heide, Museum."
    Malte Bremer auf literaturcafe.de ist Arno Schmidt nie begegnet und "wollte das auch nicht; er war wohl sehr miesepetrig, wenn nicht gar menschenfeindlich!" Dafür war Leviathan das "einzige Buch, dass ich jemals geklaut habe", heute ist es Malte peinlich; er büßte es durch Ankauf der Bargfelder Ausgabe der Arno-Schmidt-Stiftung.
    Vielleicht aus ähnlichen Motiven sang Götz Alsmann im Hamburger St.-Pauli-Theater und in der Bar jeder Vernunft ausschließlich "Schlager, die Arno Schmidt hasste" - bisschen gemein, oder war das nur ein Versuch, mit dem ohnehin vorgeplanten Repertoire "auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren" zu wollen, wie 1979 Oswald Wiener (den Wolfgang Müller im Freitag zitiert), bzw. etwas Aufmerksamkeit abzusahnen?
    - Als "spleengeschüttelter Sprachzerknackungskauz", als " hinter Bildungssperrmüll verbunkerter Menschenfeind, ein frustrationszerfurchter Lebenswegentgleister mit herrenmenschelnden Titanenallüren" wird Arno Schmidt von Thomas Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung (19.1.2014) gewürdigt. Aber! Damit ließe er sich wohl beschreiben, jedoch "nicht fassen", fährt der Autor versöhnlicher fort. Er versucht es daher andersherum und beschreibt ihn "als polymorphes Bildungswunder, als Neugierkrake" im "Schreibstubensoziotop", der den "Absprung aus dem häuslichen Wohnküchenmief in ein geisteswissenschaftliches Studium" nicht geschafft habe. Bis zu Kaff, auch Mare Crisium, jenem bereits mehrspaltigen Roman, bei dem auch Kurt Scheel von der taz aufgehört hat, bildeten die Schmidts Werke ein "faszinierendes Konglomerat aus Kleinbürger­ressentiment, Anarchistentrotz, Patriarchenpeinlichkeit, Hirnkometenglanz, Bildungshuberei, Denkmalstürzerwut, Natur- ­begeisterung, Sprachanalyse, Genialität und Taschenspielerei". Dann aber kam mit Zettel's Traum eine "jahrelang die Produktivkraft bindende Selbstkarikatur" des Romanciers zum Vorschein, der sich "in den eigenen Methoden, Besessenheiten und Gaukeleien" verfangen hatte. - Auch für Lutz Wendler vom Hamburger Abendblatt (18.1.2014) ist Schmidt als "Autor des größten, schwersten und schwierigsten deutschen Romans berüchtigt. Das Buch- und Sprachungetüm wurde zum Synonym für unzugängliche Literatur".
    Überhaupt, Zettel's Traum macht den Geburtstagsartikelschreibern zu schaffen: Ein "kryptisches Über-Buch", "eine Obskurität mit Garantie auf Wertsteigerung", meint der MDR auf seiner Webseite: "Allein dieses Mammutwerk macht ein Viertel seines Gesamtwerkes aus. Neun Kilogramm 'Hardcore-Literatur' in acht Büchern". - "Es wimmelt von einzelnen Buchstaben, Zahlen, Plus- oder Auslassungszeichen", stellt Thomas Groß im morgenweb für den Rhein-Main-Kreis fest: "Spröde wirkt es, doch etwas näher betrachtet auch ungemein plastisch, sinnlich, oft witzig, immer hintersinnig - so wie alles, was der literarische Außenseiter zu Papier brachte." - Da habe man es mit "einer literarischen Abrechnung" zu tun, "in der die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Schriftsteller Edgar Allen Poe und dessen Werk eine zentrale Rolle spielt" (NDR-Webseite). -  "Schmidt hält sich immer weniger an die deutsche Rechtschreibung", wundert sich Ronny Arnold auf der Deutsche Welle-Webseite, "vielmehr erfindet er einen eigenen, ungewöhnlichen Schreibstil, spielt mit Worten und Kalauern, orientiert sich an Dialekten". - "Das Buch ist nicht unlesbar", begütigt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger, "wie manche behaupten. Aber es überfordert sicherlich den unvorbereiteten Leser. Und das nicht nur wegen des Schriftbilds. Die Seiten sind in drei Spalten aufgeteilt, drei Textflüsse, die sich gegenseitig kommentieren." - Gabi Wuttke von der Neuen Zürcher Zeitung machte es sich leicht und verabredete sich mit einem Menschen, der das Buch auf jeden Fall komplett gelesen haben muss, dem 71-jährigen Amerikaner John Wood, der es ins Englische übersetzt hat: "Glücklich die Momente, wenn er möglichst viele Bedeutungsschichten der Etyms zu fassen bekam; besonders die Aha-Momente, in denen in einem englischen Äquivalent eine Bedeutung aufblitzte, die dem zweisprachigen Schmidt im Deutschen offensichtlich entgangen war."
    Aber es müsse, wenn man partout etwas lesen wolle, "ja nicht unbedingt Zettel's Traum sein", mit dem sich "sich Arno Schmidt in eine Sackgasse geschrieben hatte. Er hatte den Kontakt zum Leben und zu den Lesern fast gänzlich abgebrochen", wie Jürgen Strein in den Fränkischen Nachrichten (18.1.2014) beklagt, wortgleich sekundiert von Martin Willems in der jungen welt (16.1.2014): "Es muß ja nicht sofort der klobige Textbrocken 'Zettel's Traum' sein." Und was gibt es sonst? Wir wollen auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren! die Duisburger Stadtbibliothek zeigt Pocahontas-Illustrationen und lässt Reemtsma vorlesen, 5.2.2014, 16.30 h., nur: Jan Philipp Reemtsma muss es auch nicht unbedingt sein.


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