• Hilfe, mein Kühlschrank spricht! Mit diesem Schreckensruf meldete sich vor Jahrzehnten eine besorgte Hausfrau im Radio, und schon hörte man den Kühlschrank dazwischenquatschen: er wolle ja nur sagen, dass der Frischkäse zur Neige geht... BuchstabensuppeIch fand schon damals die rhetorische Brillanz und Eloquenz bei einem Elektrogerät bemerkenswert. "Zur Neige geht", so gewählt würde sich mein Computer nie ausdrücken - da heißt es höchstens schnarrend-militärisch "Speicherplatz voll" oder "Akku leer". Ob der Kühlschrank, wie mein PC, auch schriftlich kommuniziert? Möglicherweise ja, wenn er ein Alphabet sein eigen nennt. Das könnte man ihm vielleicht mit einer kaltgestellten Buchstabensuppe verschaffen, z. B. die aus der Tüte,Hilfe, Exquisa antwortet! für deren Kauf ich mich neulich entschied, weil mir das Wort "Suppenliebe" gefiel. Ich kannte bisher nur die "Suppenlogik", und zwar "Suppenlogik mit Knödelgründen", von welcher der Dichter Heinrich Heine in seinem Gedicht von den Wanderratten behauptet, nur sie fände Einlass im hungrigen Magen, ferner Argumente von Rinderbraten, gespickt mit Göttinger Wurstzitaten. Natürlich täte es statt jener auch ein Frischkäse, doch inzwischen wurde ich einer neuen Geschmacksvariante ansichtig, die mich zweifeln lässt, ob es sinnvoll wäre, dem Kühlschrank nun auch noch Exquisa-Französisch beizubringen, das jedenfalls im Schriftlichen zu wünschen übrig lässt. Das Wort "à la" kann sich doch, Lehrerinnen aufgepasst, schlechterdings nicht auf den maskulinen griechischen Salat beziehen, oder? und wenn schon Kreation mit C, sollte man den accent nicht vergessen.
    Das bringt mich zu meinem eigentlichen Thema, dem Mitteilungsbedürfnis der Bewohner in meiner neuen Umgebung. Natürlich redet man immer mal wieder ein paar Takte miteinander, wenn man Hausbewohnern im Flur begegnet, aber das mein ich jetzt nicht. Allgemeine Botschaften an jene, die man nicht kennt, werden schriftlich übermittelt: Protest am BauzaunProtest am BauzaunNachdem ich mich (eine Nebenstraße weiter) schon über die blühenden Stiefmütterchen gefreut hatte, die hinter dem Bauzaun an einem dauerrenovierten Reihenhaus aufgetaucht waren, musste ich nun erfahren, dass es sich um eine Protestmaßnahme handelt. Garten statt Rampe! Das, was da ein Garten genannt wird, war den Winter über allerdings (vom Vogelhaus abgesehen) weitgehend unbelebt. Nur die Mahnwache am Bauzaun fehlt noch. So ganz habe ich nicht kapiert, wo die Rampe entlanggeführt werden und ob dann ein Glaslift an jedem Haus angebracht werden soll; offenbar will man einige der Häuser oder das am Ende der Reihe neu zu bauende "behindertengerecht" gestalten, und hier kommen die Genossen mit den Gartenfreunden ins Gehege. Angesichts des Altersdurchschnitts in diesem Viertel ist der Gedanke, einige der Wohnungen für ältere Stiefmütterchen rollstuhl-begehbar zu gestalten, allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen. VerlustanzeigeLinks und rechts vom Vordereingang lassen sich doch auch Vorgärten bepflanzen (wie wir's vor unseren Fenstern tun), und:
    Wenn ich euch dann die Lampen richt',
    dann steht auch ihr im Rampenlicht!
    Möglicherweise füchtet man aber Vandalismus und Diebstahl; vor kurzem hatte ein Bewohner der Straße seinen Oleander vor die Tür gestellt, und der wurde dann als Sperrmüll missdeutet und - wie man vermutet - von einem jener Bedürftigen mitgenommen, die immer mal wieder die Entsorgungs-Tonnen der lieben Nachbarn nach Brauchbarem durchsuchen (so wie ich mit meinem Container-Abo des Kölner Stadtanzeigers und anderer Periodika). Die obige Verlustanzeige lässt allerdings die Bezifferung eines Lösegelds vermissen! - Eierdiebe kennt man auch in Zollstock, in der nächstgelegenen Shoppingmeile, wo sie Eingang in politische Botschaften finden. Auf Pflasterschrifteiner Litfasssäule hat sich ein Zeitgenosse Gedanken über Ökosünder gemacht, die aber nicht das einzige Problem der Demokratie sind, und diesen einen etwas wirren Ausdruck verliehen, den ich auch nicht recht zu deuten vermag. Dioxin im EiEine saftige Strafe wäre fällig, aber welche und weswegen? Ebenso sonderbar und noch schwerer zu entziffern sind die Andeutungen, mit denen möglicherweise ein im Schreiben noch nicht recht geübtes Schulkind den Rand des Bürgersteinpflasters an der Endhaltestelle der Bahn vollgekritzelt hat. Soll es eine Obszönität sein? Vielleicht war es das Kind des Dorfanarchisten, der seinen Kleinbus ständig um die Ecke vor dem Café Metternich parkt. Sabotage-AufrufDiesen potenziellen Attentäter ("Metternich und Messerstich", Gedicht von Robert Prutz!) habe ich auch in Verdacht, die hier allmorgendlich der Straßenbahn zustrebenden Arbeitnehmer zur Sabotage aufzurufen. Anarcho-Auto 1Anarcho-Auto 2Zur Ehre des Viertels sei gesagt, dass der Kleber (links) kurz danach wieder verschwunden ist. Nicht so die unheilvoll schwarze Karosserie mit aufgemalten Einschusslöchern, zudem reichlich anmaßenden provokativen Aufforderungen, die vom Gleichheitsgedanken des Anarchismus weit entfernt sind. Der Hoftypograph des Königs kennt neben ziemlich altmodischer Fraktur nur die in Holz gebrannte Schrift, mit der VAT-69-Whiskybuddeln etikettiert sind. - Vermutlich kann die Polizei gegen solche Parolen nichts unternehmen. Anarcho-Auto 3Der Halter des Gefährts scheint überdies einer nicht verbotenen Organisation anzugehören, der "Anarchistischen Terror-Front". Linke waren ja schon immer ganz groß im Abkürzungen-Erfinden, z. B. Komintern, NKWD, NÖP, DDR, DKP, DBDDHKP. "Anarchistenkongress, das klingt für mich wie das Wort Einsiedlerschule!" hat Tucholsky mal gesagt. Aber wieso der Raderberger Anarcho von der Monarchie schwärmt, ist mir schleierhaft.  Tja, einige sind eben gleicher als andere, selbst in der Anarchie!Was immer ihr Ziel Schlägt man von hier den Weg in die Markusstraße ein, gelangt man nach zwei, drei Minuten zu einem Friseur, der mit anrührenden moralischen Appellen um Kundschaft wirbt. Der sei auch mal dem Anarchisten empfohlen (sein Auto könnte auch mal wieder gewaschen werden). Wie man sich überhaupt manches zu Herzen nehmen sollte, z. B. die Aufforderung "Kopf einziehen" an der Severinstorburg, die allerdings nur denen gilt, die auf den großen Prunkwagen im Rosenmontagszug stehen. Ich hatte schon berichtet, dass der Zug hier früher endete (auf der anderen Seite des Tores, versteht sich) und Fußtruppen in die eine, Gespanne mit Pferden in die andere Richtung geschickt wurden. Die brauchten also keine Angst vor den Zacken der Falltür zu haben. Wahrscheinlich wären sie auch viel zu benebelt von Gesang, Schunkeln, Ovationen, Kusshändchen und Kölsch gewesen, um den Ausgang zu finden. Wie jetzt die Prunkwagen-Mitfahrer mit dem Nadelöhr der Severinstraße zurechtkommen, weiss ich nicht. Immerhin haben die auch schon ein wenig "vorgeglüht", wenn der SeverinstorburgZug zum Start hier durchmuss. Manchmal bleibt der Zug ja auch stundenlang stehen, weil es vorne irgendwo knubbelt. Mir wäre ja ein wenig mulmig, wenn ich unter den spitzen Holzlatten zu stehen käme, ob das nicht doch eine böse Falltür ist? Und ob es da eine so gute Idee war, das Wort "Kopf" in Gelb zu setzen und die eigentliche Aufforderung darunter, rot auf schwarz, auch noch zu dehnen und zu sperren? Manche von den Promies (Podolski, Meyer-Landplag) und Karnevalsfunktionäre hoch auf den bunten Wagen werden erst recht die Hälse recken, um genauer zu lesen, und ZACK! ist es passiert. Und darunter haben alle zu leiden, denn der wirft dann erst mal keine Kamellen mehr von der Reling...


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  • Nach dem Motto: "Begrüß das neue Jahr, egal, wie es aussieht", haben wir uns trotz grauem Himmel & Nieselregen heute mittag auf den traditionellen Neujahrsspaziergang gemacht. Wenn nichts besseres anliegt, sind wir am Neujahr fast regelmäßig zum Rheinufer und zum Dom gegangen, um die Kirchen mit ihren originellen Krippen zu besehen, den Pegelstand des Rheins und die Umdekorierung der Schaufenster in der Hohen Straße zu prüfen und irgendwo einzukehren. Wenn der Schnee zu tauen beginnt, trägt er nicht mehr viel zur Verschönerung der Landschaft bei, und manches kommt zum Vorschein, was besser verborgen bliebe. Die Feuerwerksabfälle in meiner Straße halten sich in Grenzen (die Jugendlichen vom Stockwerk drüber, die ihre Mutter besuchten, haben brav gleich nach Abfeuern der Raketen alles in den gelben Mülleimer getragen), aber da in den letzten Wochen keine Flaschencontainer mehr geleert werden (für unseren eigenen Weinkonsum weiß ich einen, der wegen seltener Benutzung noch nicht überquillt), wird Altglas drumherum gestapelt. jaegermeisterAn der Markusstraße muss eine Gesellschaft von Jägermeister-Abonnenten wohnen, die das Zeug literweise in unterschiedlichen Flaschengrößen verkosten. Hat der Betreiber des dem Container benachbarten Weihnachtsbaumverkaufs seinen Kunden beim Verkaufsgespräch was ausgeschenkt?Schneematsch RaderthalguertelTauwetterpfuetze Oder haben sich die auf dem Zollstocker Südfriedhof mit der sogenannten "Schadwildbejagung" Beauftragten, die derzeit an Samstagen bis 9.30 die Totenruhe durch Schusswaffengebrauch stören, vor dem Anblick des Schadwilds Mut antrinken müssen? Gleichviel, die Schneemassen am Raderthalgürtel sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, vermutlich siehts in den Polargegenden, wo probehalber nach Erdöl gebohrt wird, auch nicht besser aus. Und hat man das "Steinufer des Bürgersteigs" (Arno Schmidt) endlich erreicht, sollte man auch aufpassen, denn die Pfützen können ganz schön tückisch sein.
    Über solche muss man oft auch an Bushaltestellen springen. Zufällig kam grade die Linie 132 zum Dom, und wir stiegen am Heumarkt aus. Wer glaubt, nach Heiligabend seien die Weihnachtsmärkte allüberall weggeschmolzen,Straßenkehrer nach SylvesterMüllwagen nach Sylvester kennt nicht den Heumarkt, wo sich noch immer Glühwein-, Bratwurst- und Lebkuchenherzensbuden um Europas größte Kunsteisbahn gruppieren. Rentierschlitten auf dem DachAuch der Rentier-Schlitten des Santa Claus auf dem Dach ist vom Altjahr geblieben, ebenso wie ausgebrannte Raketenabschussbasen, Kartonböller und Plastiksprengstoffhülsen, Sektglas- und Flaschenscherben, die der kalte Krieg des Jahreswechsels hinterlässt. An der Rheinuferpromenade hatten die leuchtend-orange Uniformierten das Schlachtfeld schon weitgehend geräumt. Was da alles in dem Kehrichtwagen landet, will man gar nicht so genau wissen. Die Kölner wissen aber, was sie an ihren Kehrmännchen haben, weshalb sie jedes Jahr einen hölzernen Repräsentanten in der ansonsten ständig aktualisierten Weihnachtskrippe im Kölner Dom aufstellen. Während wir die neue Deko im Eingangsbereich des Doms betrachteten, bekam ein kleines Mädchen, das nach dem "bösen Mann" neben Maria fragte ("Der heißt Joseph und gehört zu der Frau, die in dieser Nacht ein Baby bekommen hat." - "Und wo ist das Baby?" - "Das Baby liegt in der Wiege da!"), die Weihnachtsgeschichte erklärt. Es hatte offenbar noch nie davon gehört. Ein paar Schäfer gibt es in der Domkrippe auch, aber nur auf der dritten Etage, auf einem mythischen Steilhang, der - da die Krippe ansonsten Kölner Verhältnisse abbildet - wahrscheinlich das Bergische Land darstellen soll. Kölner DomkrippeDie Heiligen Drei Könige sind nicht zu sehen, die kommen erst am 6. Januar ins Bild und sind als Reliquien sowieso schon im Dom anwesend. Heuer steht aber neben dem Straßenreiniger außer der "ahl Möhn" (Kölnerin im vorgeschrittenen Alter) und der blaugewandeten dunkelhäutigen Nonne ein Mensch mit leuchtend reflektierender Sicherheitsweste, und auf dem linken Flügel der Krippenlandschaft hält außerdem ein ein ebenso reflektoren-gestreifter Feuerwehrmann Wache. Für Sicherheit ist also gesorgt, selbst wenn die Halbstarken kommen, diese Skater mit ihren Rollbrettern, die in diesem Jahr auch an der Krippe stehen. Kölner Domkrippe, linksKölner Domkrippe, linksDer junge Knabe auf dem Bild in der Mitte bringt dem Jesuskind ein (auf dem Bild ganz links besser zu erkennendes) Skateboard als Opfergabe dar. Dieses Öpferchen ist bestimmt ganz im Sinne der Dombaumeisterin, die sich schon im letzten Januar, also 2010, darüber beklagt, dass - angeblich sogar nachts bis ein, zwei Uhr - die Skater über die Domplatte brettern (ermutigt von entsprechenden Einrichtungen, die man vor Jahren hier städtischerseits aufstellte, um die Jungs von der Straße zu holen). Sie wohnt direkt am Dom, wahrscheinlich, um bei Feuersnot eingreifen und die Security-Truppe von der Krippe herbeirufen zu können, und würde das Treiben der Skater-Brüder am liebsten verbieten bzw. weit ins Rechtsrheinische, nach Köln-Porz verbannen. Näher an der Krippe steht übrigens der Junge mit Geißbock-Button und dem typischen weiß-rot-gestreiften 1. FC Köln-Fanschal, und es sieht nicht danach aus, als wolle er ihn wärmend um das Jesuskind legen, er behält ihn für sich, typisch!
    Wir nahmen uns dann noch Zeit für einen kleinen Rundgang, unter anderem zum Fenster des Künstlers Gerhard Richter. Er malt sonst eher grau in grau, Schwarz-Weiß-Fotos mit Bildstörung, ein bisschen wie meine fotographischen Schneematsch-Studien, die ich oben eingestreut habe. Das Domfenster ist jedoch aus transparent-kunterbunten viereckigen Mosaiksteinchen gestaltet (nach geheimnisvollen aleatorischen Prinzipien angeordnet) und ein echtes Kunstwerk, das die Dombaumeisterin wiederum gut, der Kardinal Meisner aber geradezu skandalös fand ("passt eher in eine Moschee!"), also gar nicht fromm, anstelle mal vernünftige Heilige oder Märtyrer im Bilde darzustellen, nur so abstraktes Zeug?! - weshalb er sogar der Einweihung fernblieb. Dummerweise hat der Erzbischof in seiner eigenen Bischofskirche nicht viel zu kamellen, das macht alles das Domkapitel auch ohne sein Einverständnis.
    Da ich nun aber gar kein großer Dom-Fan bin, sind wir dann noch in eine der schönen romanischen Kirchen gegangen, für die Köln im Mittelalter, als weit und breit noch keine Kathedrale in Sicht (nur Bauruine), so berühmt wurde. Gerhard Richter: Fenster im Kölner DomPietà in St. KunibertUnd zwar in eine romanische Kirche, die praktisch leersteht, während sich alle Touris im Dom drängeln. Die Kirche des 1802 säkularisierten Kunibertsklosters liegt nämlich dann auch noch fernab der magischen Dreiecks Hauptbahnhof - Rhein - Altstadt, ein ganzes Stück hinter dem Bahnhof, wenn man die Johannisstraße entlanggeht - an dieser liegt das Weinrestaurant, wo Kornelia ihren vorletzten Geburtstag gefeiert hat. Früher, um 1900 und in den Jahren danach, war das Rheinufer praktisch unzugänglich, ein einziger Bahnhof zum Güterverladen, und integriert das Reichsbahngebäude. Ich vermute, der Eingang zur Innenstadt war damals gar nicht so sehr die Dom-Rückseite oder das Gelände an der Hohenzollernbrücke, sondern bei Sankt Kunibert (weshalb die Straße "Unter Krahnenbäumen" von Willy Ostermann und Chargesheimer verewigt wurde). Diese Kirche war noch zu meiner bewußten Lebzeit eine ausgebrannte (Bomben-)Ruine, ich habe sie nur schrecklich zerstört in Erinnerung, und wurde erst in den siebziger, achtziger Jahren des Vorjahrhunderts aufs Schönste restauriert. Reliquienköpfe in Sankt KunibertInzwischen ist auch eine Orgel dazugekommen, an der gerade heftig geprobt wurde, als wir kamen; die dunkelschönen Bassblubber takteten in der Tiefe, darüber jubelten die schmelzenden süßen Flöten der oberen Tonlagen ("gedackt") und der Klangfilm waberte zum Himmel des eindrucksvollen Kirchenschiffs empor, dessen Rundbögen mit bunten Randornamenten ausgemalt sind. Neben einer mittelalterlichen Pietà-Darstellung hat diese Kirche auch eine Sammlung von Reliquienköpfen buddhistisch grinsender Heiliger aus der Parler-Werkstatt aufzuweisen, die ich wegen der Glasvitrine leider nur ohne Blitz und daher unscharf aufgenommen habe. Die frommen Damen - mit einem etwas feminin wirkenden Bischof in der Mitte - waren aber wirklich entzückend und lächelten verheißungsvoll ins Neue Jahr hinein, so dass ich mir die Erinnerung unbedingt mitnehmen wollte.


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  • Brüssel, es reicht

    Wir wissen es nicht... vielleicht ein Gläschen Sekt? Heute abend um zwölf? Aber das Neue Jahr kommt bestimmt. Und wenn im Zuge der EU-Osterweiterung und der Afghanistan-Hilfe die Seidenstraße in den  Binnenmarkt einbezogen wird, kommt zum 3. Februar das

    Jahr des Metallhasen (Rabbit) / 辛卯 / 12 Tiere beherschen den chinesischen Mondkalender. Warum diese dabei sind und andere nicht und wie die Reihenfolge der 12 Tiere festgelegt wurde, erfahren Sie hier...

    Wenn China das Neujahr feiert, werden die zukünftigen Träume beschworen.

    Es soll Glück bringen, Fenstern und Türen zu öffnen, um das Glück während des Festes herein zu lassen und die Lichter in der Nacht brennen zu lassen, um dem Glück den Weg ins Haus zu leuchten und böse Geister abzuschrecken. Unglück vermeidet man, indem keine neue Schuhe während der Neujahrestage gekauft werden, da das Wort Schuh (鞋子, Xiézi) dem Wort für schlecht, böse und ungesund (, Xié) sehr ähnlich ist und die Haare während der Festlichkeiten zu schneiden bringt ebenfalls Unglück, da das Wort Haar ( / , ) und das Wort Glück ( / , ) dasselbe ist und man sich dieses wegschneiden würde (mehr).

    Das chinesische Neujahr (CNY) 2011 des Metall-Hasen dauert vom
    3. Februar
    '11 bis zum 23. Januar 2012.

    (gefunden auf http://www.my-chinese.ch/)

    Wir wünschen unseren Lesern & Leserinnen ein frohes Neues Jahr!


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  • ....allen Erniedrigten und Beleidigten und Frierenden zum Trotz, möchte ich hier mal ein Loblied auf den Schnee singen. Die Enkomiastik ist im Gefüge der rhetorischen Formen eine rühmenswerte Tradition; so hat Erasmus von Rotterdam unter dem Titel moriae enkomion ein "Lob der Torheit" geschrieben, Willibald Pirckheimer unter dem Titel podagrae laus ein "Lob der Gicht" (seiner eigenen) und ein Schriftsteller namens Liscow im 18. Jahrhundert das Lob der elenden Skribenten. Also leihe, Muse, meinem Federkiel deine Flügel, um eine laus nivis (kommt von nix, lat. der Schnee, pl. nives = die Schneemassen; nivea = schneeweiß) zu ersinnen und die Nützlichkeit der so reichlich fallenden und trotz gelegentlicher Temperatur-Aufschwünge nur langsam abschmelzenden Schneemassen zu preisen: Rein und unschuldig liegen sie da, verdecken häßliche Formen und allen Unrat der Menschen, sorgen für Stille und ruhenden Verkehr. Weich und doch wehrhaft, denn letztlich ist der Schnee mit noch so viel Salz, Schaufelarbeit und Eispickeln gar nicht kaputtzukriegen, man kann ihn mit Laserkanonen beschießen, Schnee behält - solange es dieser spezielle Aggregatzustand des im Sommer so begehrten, ja lebensnotwendigen Wassers ist - immer seine krystalline achteckige Struktur.Schnee in Tüten Schnee gehört allen, es liegt genug davon herum auf öffentlichem Grund und noch niemand (mal abgesehen von Alpenregionen, wo er für den Wintersport tauglich ist) kam je auf die Idee, ihn zu besteuern, zu vermarkten oder gar seinen Preis durch künstliche Verknappung zu erhöhen. Mehr noch: wer ein Grundstück oder einen Balkon sein eigen nennt, darf sich ja wohl als rechtmäßiger Besitzer des darauf gefallenen Schnees fühlen und z. B. Freunden, die keinen oder nicht genug davon haben, welchen mitbringen, wobei sich die Tiefkühlkost-Einkaufstüten der großen Discounter, angereichert mit Kühlelementen sehr für den Transport eignen. - Aber wozu, Loch in der Wandwerdet ihr fragen, soll das gefrorene Nass denn taugen, das man mühsam jeden Morgen von Autos und Bürgersteigen entfernt? Hier wäre anzuraten, Schnee als Spachtelmasseden eurozentrischen Blickwinkel zu erweitern und sich an den Eskimos ein Beispiel zu nehmen, die haben bekanntlich jede Menge Gespür für Schnee. Zwar werden wir in unseren Breitengraden kaum deren Angewohnheit übernehmen, unsere Häuser aus Schnee zu bauen, schon wegen des überschaubar bald erlöschenden Mindesthaltbarkeitsdatums. Kleinere Spachelarbeiten an der Fassade lassen sich indessen bei entsprechend niedrigen Temperaturen sehr zufriedenstellend mit Schnee ausführen. Wer sich als Städteplaner betätigen will, kann aus Schneeziegeln manches Nützliche gestalten, z. B. eine Einfriedung des Bürgersteigs an Stellen (siehe Bild), wo die Kraftfahrzeuge die Kurve kratzen, SchneemauerSchneekugelderen Fahrer die freigeräumten Bürgersteige als Fahrspur nutzen und so für unangenehme, mit normalen Bordmitteln nicht mehr zu beseitigende Glatteisbahnen sorgen. Sollte trotzdem einer die Absperrung durchbrechen, kann man vom Fenster aus ballistische Experimente mit Schneekugeln durchführen. Als Kernmasse eines wohlgeformten Schneeballs dürften sie dessen Flugbahn den richtigen Drall geben. - Man kann den Schnee auch in einen Eimer schippen, ein heißes Wannenbad einlassen, sich das Badezimmer warmheizen, und vor dem Einsteigen und zwischendurch mit Schnee abreiben - gut für den Kreislauf und man braucht nicht das Auto zur Wellness-Sauna zu bewegen! - Übrigens wissen nur die wenigsten, dass Schnee auch eine wohlschmeckende, kalorienarme Mahlzeit ergeben kann. Hier verrate ich euch mein Lieblingsrezept: Man nehme eine Pulle Eiswein und gieße sich zunächst ein reichlich bemessenes Glas davon ein. Dann fülle man Schnee in eine Rührschüssel und schlage ihn mit Hilfe des sog. "Schneebesens" steif (kann länger dauern).Eiswein Eiswein im GlasEischnee elektrischUnökologische Faulpelze dürfen sich der handelsüblichen Elektro-Geräte bedienen und sorgen im Wege der Erderwärmung gleichzeitig dafür, dass nächstes Jahr noch mehr Schnee fällt. Die cremige Masse fülle man in einen Teller, lege ein Hühnerei dazu, fertig ist der sog. "Eischnee" - wohl bekomm's! Eischnee perfekt serviertNatürlich gibt es noch andere Arten, Schnee zu genießen. Kenner aus dem Rotlichtmilieu schwören auf folgendes Rezept: Feinen Pulverschnee erst mit der Kreditkarte kleinhacken, dann einen höherwertigen Geldschein in einigermaßen stabiler Währung Eisbombe zu SylvesterEisbombe zu Sylvester(Schweizer Franken, US-Dollar, Sloty; wer nichts Bares hat, kann sich notfalls an den Strohhalm klammern) zusammenrollen, anschließend durch die Nase inhalieren. Passend zur Sylvesterfeier kann der Schnee auch als sog. "Eisbombe" serviert werden. Für dieses völlig harmlose Vergnügen braucht es nur eine Zündschnur, die an der Schneekugel angebracht wird, sowie ein Feuerzeug. Wenige Sekunden vor dem Jahreswechsel entzünde man die Schnur, rufe die Partygäste zum Selbstmordattentat zusammen und zähle den Countdown mit: Vier.... drei.... zwei.... eins... PENG!


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  • AdventskranzHeute, am vierten Advent, möchte ich auch noch etwas über die für hiesige Verhältnisse ungewohnt winterliche Vorweihnachtszeit erzählen. In Hürth, wo Kornelia vorher wohnte, konnte man vor Jahren noch ein Verbrecheralbum der gehenkten Weihnachtsmänner anlegen - inzwischen sehen die Kerle immer einheitlicher aus und wirken kein bisschen originell, sorgen auch nicht mehr für Einbruchsmeldungen bei der Polizei. Weihnachtsmänner am NeumarktDie Werbefigur eines großen Kölner Foto-Fachgeschäfts fotografiert konsequent an ihnen vorbei die Passanten auf der Straße. Aber General Frost und Feldwebel Schneematsch belagern nun auch die Rheinregion. Tatsächlich bin ich seit neuestem nebenamtlicher Schneeschipper, wenn auch nicht allein - der Nachbar links von uns ist zwar krank, aber die Regel, dass Mieter, die parterre wohnen, grundsätzlich den Schnee räumen müssten, gilt längst nicht mehr. Gesetzlich ist (und bleibt) nicht der Mieter verantwortlich für die Räumung der Bürgersteige an der Grundstücksgrenze, sondern der Hausbesitzer - natürlich kann er das delegieren, und wir kriegten dieser Tage auch einen komplizierten Plan, der alle Etagen einbezieht, freilich auch diejenigen, wo pflegebedürftige und greise Mieter wohnen. Überdies ist man hier im Haus stolz darauf, alles "intern" zu regeln und sich unförmlich über Gemeinschaftsaufgaben wie Treppenhausreinigung etc. zu einigen.Beschneiter Eingang Deshalb kommt immer ein netter Nachbar herunter, der mir hilft und zB. den Besen schwingt oder das von der Genossenschaft gelieferte Granulat mit einem Schüppchen verteilt. Dazu gehört auch der einhellige Schwur, Zufahrt und Zugang zur Garagenzeile im Hof unangetastet zu lassen. Das sollen die Garagenbesitzer selbst machen, die sich bereits murrend beschweren - freilich gilt die Verpflichtung ausschließlich Bürgersteigen auf öffentlichem Grund & Boden, den Zugang zu ihrer "Mietsache" kann meinetwegen die Baugenossenschaft sicherstellen, dafür bin ich nicht zuständig. Zwar könnte man das vom Eingangsbereich genauso sagen, aber da wollen wir ja selber nicht schliddern.Rad im Schnee Übrigens hat heute der BMW Cabrio der jungen Leute von der gegenüber liegenden Straßenseite (die sich auch beschwert haben sollen, obwohl sie vor ihrer Tür noch gar nicht geräumt hatten) anderthalb Stunden versucht, die Auffahrt ohne Schneeketten zu meistern. Wieder und wieder rollten sie zurück, bis ihnen ein Leidensgenosse durch Anschieben half. (Am Hinterhof merken wir, dass das Viertel in einem Tal liegt - im Mittelalter war hier noch das Rheinufer.) Ich habe übrigens auch einen Alfa Romeo von der Kreuzung geschoben und mich auch sonst nützlich gemacht, denn erstens bin ich Frühaufsteher, zweitens tut mir die frische Schneeluft gut, drittens spare ich mir den Wintersport und viertens bin ich sowieso seit Wochen an körperliche Arbeit gewohnt.Bürgersteig, geräumt Buergersteig wieder verschneitSchneeräumenkommando

    Und so war ich auch ganz stolz heute früh auf die geräumte Strecke (siehe Bild links, aber das ist nur die Hälfte, um die Ecke geht es noch einen gefühlten halben Kilometer weiter). Da das Haus längsseitig zur Straße liegt haben wir, wie die Frau mit dem Hund - die übrigens dauernd hilft oder ihren Mann helfen schickt - sagt, "sowieso die Arschkarte gezogen". Wenige Stunden später hatte mir die weißflaumige Prinzessin Blanche-neige alles wieder zugepudert (Mitte), und ich (rechts im Bild) durfte wieder von vorn beginnen...
    Nicht einmal "wie gewonnen, so zerronnen", kann man bei diesem Anblick sagen: Tauwetter ist erst wieder für die Weihnachtstage angesagt, wenn sich alle über Schnee auf den Tannenwipfeln freuen würden. Was das Warten auf Julklapp, Chanukka, den Christkindl-Teufelsbraten oder Santa Claus betrifft, wie immer man die Lichtertage nennen will, haben wir hier in der Nähe eine Besonderheit, von der ich noch mehr erzählen werde. Es handelt sich um ein "Viertel im Viertel", das sich mit seinen Einfamilienhäusern von den Genossenschaftsbauten der Umgebung erheblich unterscheidet. Eingang zur Efferoth-StraßeHausreihe in der Efferoth-StraßeDie verkehrsberuhigte Spielstraße und Sackgasse - nur Anwohner parken hier, soweit sie nicht ebenfalls (womöglich versenkbare?) Garagen haben - ist benannt nach einem verfolgten Antifaschisten und späteren Exilanten, Hugo Efferoth. Der war wie mein Opa in "Schutzhaft", seine 1926 erschienene Ketzerbibel warfen die Nazis auf den Scheiterhaufen, ebenso sein Buch Himmel-Fimmel. Eine Studie zur Sektenseuche der Gegenwart (1923); er floh 1938 nach Südamerika. Er war vor 1933 Redakteur bei der sozialdemokratischen Rheinischen Zeitung gewesen; sein Kollege war der spätere NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn, der sich als einziger namhafter Politiker schon zur Adenauerzeit und weit darüber hinaus öffentlich zum Atheismus bekannte. Die Ketzerbibel hieß übrigens im Untertitel "Eine Waffensammlung für den kämpfenden Freidenker gegen Aberglauben und Volksverdummung. (Wie entstand die Welt? Was ist der Mensch? Was lehrte Christus und was taten die Pfaffen?)" Wenn der 1946 in La Paz verstorbene Efferoth wüsste, dass die nach ihm benannte Stichstraße heute die am stärksten weihnachtlich dekorierte ist - ein "begehbarer Adventskalender" sozusagen - , würde er sich vermutlich in seinem bolivianischen Grab umdrehen. Es sind genau 26 Häuser (der Kalender geht also bis zum Zweiten Weihnachtstag), und in einem ist der Deutsche Skibob-Verband e. V. angesiedelt. Sie sind auch ohne Festbeleuchtung hübsch, alle haben einen Vorgarten, bei den meisten kann man durchs Fenster die skandinavisch anmutende Einrichtung im milden Honigschein der Wohnzimmerlampen sehen. Hier benutzt man keine Schneeschaufeln aus Plastik, sondern biologisch einwandfreie aus Holz sowie Holzschlitten. Seit wir hier wohnen, hat uns die Straße beschäftigt (durch sie gelangt man in die Hauptgeschäftsstraße hier, die Markusstraße, die auch zur Straßenbahn-Haltestelle führt), denn das Gerücht geht, der derzeitige SPD-Oberbürgermeister Roters lebe hier in der Gegend, und wir könnten uns gut vorstellen, dass er in einem der Fachwerkhäuser wohnt. Aber wahrscheinlich ist das Quatsch und er wohnt im Speckgürtel zum Rhein hinunter, Rodenkirchen, oder im Westerwald. - Politik und GesellschaftMeine ersten Bilder vom "begehbaren Adventskalender" hatten Bildstörung (Schneetreiben!). Ringsum haben noch andere illuminiert, an unserem Haus gibt's LED-bekränzte Balkons. Die Tanne vor meinem Fenster wird, wie ich erfuhr, schon lange nicht mehr als Weihnachtsbaum dekoriert, dafür ist sie zu hoch gewachsen, und die Nachbarn sind nicht mehr die jüngsten. Das verrutschte Licht oben an der Spitze ist daher kein Weihnachtsstern und auch keine neumodische Energiesparbirne, sondern der Mond, von dem grade ein UFO zur Erdreise aufbricht... Eine Birke, die weiter rechts an der Hausecke stand, wurde seit unserer Renovierungsaktion gefällt ("eine Dreckschleuder", so die Nachbarin), auf dem Tapetenwechsel-Blog ist sie noch zu sehen und eigentlich könnte ich jetzt die Miete mindern, was meint ihr? schließlich sind wir mit Birke hier eingezogen. Andererseits stand die ja nicht vor unseren Fenstern, während "unser" Baum einen gewissen Sichtschutz gibt.
    Hier nun Bilder vom Adventskalender, von Kornelia mit besserem Apparat gemacht:Begehbarer AdventskalenderBegehbarer AdventskalenderBegehbarer AdventskalenderBegehbarer AdventskalenderEfferother KalenderBegehbarer Adventskalender...und noch ein paar Bilder, die ich heute früh im Kalender gemacht habe (räumen musste ich noch nicht; diesmal kam mir ein anderes Heinzelmännchen zuvor).Efferother KalenderEfferother KalenderEfferother Kalender


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  • Klar, was sonst! Aber dieses Jahr springen keine Bücher von Amazon, sondern ausschließlich aus unserer eigenen Bibliothek über die Klinge. Und bei ebay oder Amazon darf ich sie schon gar nicht einstellen, weil ich dann ein Gewerbe anmelden müsste. Leider verschwinden die kleinen Antiquariate, die gelegentlich noch was angenommen hätten. Bonner Lebkuchen-RathausDie meisten Antiquare würden am liebsten Gebühr nehmen, damit sie sich überhaupt mal zu einem Blick in die angeschleppten Bananenkartons bequemen. Und Flohmärkte, da könnte ich Romane drüber schreiben. Es gibt kaum noch Laufkundschaft, die sich für Titel oder Autor interessiert. Wer an eine Flohmarkt-Grabbelkiste mit Büchern tritt, wägt die schweinsledern gebundene, vom längst verstorbenen Kultautor signierte Erstausgabe minutenlang mit spitzen Fingern - in der Denkblase bildet sich der Stoßseufzer: "Bücher! hat das überhaupt noch Zukunft? Die Leute schreiben sich heute doch alles selbst, in ihren Blogs..." -, lässt den Papierklotz wieder fallen, ohne auch nur einen Cent herauszurücken, und geht federnden Schritts, noch einmal kopfschüttelnd: "Bücher..." vor sich hin murmelnd, weiter. Na dann eben nicht. Geben wir die Bücher umsonst her. Aber nicht an Flohmarktspekulanten, sondern an pennyless people, die gar nichts ausgeben können, und sich daher dort umsehen, wo Bücher nichts kosten: in den Selbstbedienungsschränken oder -kästen, die mancherorts in der Fuzo herumstehen (z. B in Bonn, der Stadt, die von einem telekom-gesponsorten Lebkuchenhaus aus regiert wird), oder in Garderoben-Ablagen von studentischen Bibliotheken. Ein (zugegeben recht ungalantes) Lied von Paul Simon besingt fünfzig Methoden, sich von seiner Geliebten zu trennen: "Just slip out the back, Jack, / make a new plan, Stan, / no need to be coy, Roy, / just get yourself free..." - Über meine Trennungserfahrungen beim (umzugshalber notwendigen) "Freilassen" oder besser, Sichbefreien von einst und z. T. nicht weniger leidenschaftlich geliebten Büchern will ich berichten!Universitätsbibliothek Köln
    Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden, heißt ein alter Kinderreim. Doch von Pater Pereira (Muss ein Junge daran scheitern?) über Erich Fromm bis zu Stendhal: die "Kunst des Liebens" kann man überall erlernen, die Kunst des Entliebens und Trennens wird nur dilettantisch ausgeübt. Sammeln von Kulturgütern und Bewahren von Traditionen gilt wie selbstverständlich als rühmenswert - dass aber zum Sammeln auch das Auswählen, Verzichten, gar das Wegschmeißen gehört, will niemand wahrhaben. Und wehe, in den Briefen seiner Ehefrau Rahel, von denen K. A. Varnhagen gut 6000 eingesammelt und ein Menschenalter lang gehütet hat, erweist sich nach 200 Jahren ein Billet an Pauline Wiesel als fehlend, dessen Eintreffen ein Gegenbrief belegt - prompt heißt es, der Nachlassverwalter habe es "verbrannt" (Rahel Levin Varnhagen: Briefwechsel mit Pauline Wiesel, hrsg. v. Barbara Hahn, Nachwort der Herausgeberin). Dass es die Empfängerin verschlampt oder ihrem Witwer vorenthalten haben, dass es bei Rahels Lebenwanderungen von Berlin nach Schlesien, Prag, Töplitz, Wien, Baden bei Wien, Frankfurt a. M., Baden-Baden, Karlsruhe und zurück nach Berlin, bei der Überführung ihres Nachlasses von Berlin über Zürich nach Florenz, von Florenz über Berlin nach Krakau verlorengegangen sein könnte - das kann nicht sein. Der böse Sammler hat's in die Flammen geworfen. Und wenn schon? Er war der Universalerbe, es gehörte ihm. Aber aus irgendeinem geheimnisvollen Grund war das, was verlorengegangen ist und was keiner kennt und was nie wieder jemand finden wird, immer das Beste, Schönste, Aussagekräftigste gewesen.
    Wie auch das Buch, das man aussortiert hat, mit 100%iger Sicherheit wenige Wochen später ganz dringend benötigt wird, weil jemand es ausleihen will, ein Zitat gesucht oder der Titel noch einmal verifiziert werden muss (gut, letzteres geht im Internet, und mit etwas Glück findet man das Zitat bei google.books). Warum ist das Abschiednehmen von Büchern so kompliziert? Komplizierter als das Fortschaffen von Butterbrotpapier, verjährten Telefonbüchern oder Golf-Beilagen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung? (Wie heißt es bei Paul Simon: The problem is all inside your head, she said to me...) Gut, bei teuren Literatur- und Kunstzeitschriften (art, grafik novum, akzente etc.) gestaltet sich die Sache schon schwieriger.Hürther Bücherzelle Sie türmen sich mit all dem andern Wust (Telekom-Erstzeichner-Aktien, Mahnbescheiden und Stasi-Personalakten aus der Gauck-Behörde) unter dem Couchtisch. Der beste Platz für Gedrucktes und Gebundenes wäre doch eigentlich der blaue Container - Papiermüll, sofern es sich nicht um experimentelle Prosa oder Porno-Heftchen handelt (dann gehören sie in den Sondermüll). Wir haben doch auch kein Problem damit, funktionierende Gasherde, PC-Bildschirme und Fahrräder in die Schrottpresse zu geben. Aber irgend etwas in uns sträubt sich, schließlich handelt es sich um ein Kulturprodukt. Haben nicht die Nazis zuletzt Bücher verbrannt...? Aber was ist mit den vielen zwischen 33 und 45 erschienenen Büchern der "völkischen" Literatur, die schon in meiner Jugend massenhaft die Flohmärkte füllte, die Regale der Alträucher verstopfte? Blunck, Bruno Brehm, Dwinger, Agnes Miegel, Josefa Berens-Totenohl etc. pp.? Die neuere deutsche Germanistik hat sie durch kritische Aufarbeitung geadelt (z B. Theweleit, Männerphantasien - verdammt, hab ich das eigentlich schon aussortiert? ich lese es ja doch nie mehr, auch nicht das Buch der Könige Teil I b oder sonst etwas von dem Autor, den ich trotz seiner blendenden Linksromantiker-Kolportage letztlich doch für einen Scharlatan halte) und daher zieren sie heute wieder jede Seminarbibliothek.
    Wie schon das Rote Kreuz bei den Altkleidersammlungen und die Wertstoff-Annahmestelle des "Umweltzentrums West" (in der Nähe meiner alten Wohnung), wo man Altmetall, Elektrokram und Hausrat abliefern kann (keine Teppiche und nichts aus Holz), was sie teils instandsetzen und in einer Verkaufshalle preiswert verscherbeln, hat sich eine neue Mitleidsindustrie auch der von ihren Besitzern verstoßenen Bücher angenommen. Auf Initiative von Bürgern oder Stadtbibliotheken - die allerdings auch ihren eigenen Überschuss, womöglich gegen kleines Geld, loswerden wollen -, stellt man Schränke, Kisten oder ausrangierte und mit Regalen ausgestattete Telefonzellen auf, in Bonn allein gibt es sechs Sammelstellen. Dort stellt man seine Schätzchen unter, bis einer vorbeikommt, der gerade mal wieder ein Buch braucht (vielleicht sogar gerade das?) und es mitnimmt.Bonner Bücherschrank Bei diesen Kästen herrscht allerdings eine "negative Selektion" vor, alles einigermaßen Wertvolle wird bald mitgenommen, zurück bleiben Buchklub- und Readers-Digest-Ausgaben, die Gratisbücher aus Werbeaktionen und sonstiger Buchschrott. Da bringen wir mit unserem eher intellektuellen Angebot wieder Leben in die Bude. Man muss nur aufpassen, nichts Vorhandenes mitzunehmen und womöglich mehr nach Hause zu bringen, als man wegschaffen wollte! 
    In meiner Kindheit waren Absender Nikolaus Stuck (ein Junge, der andauernd Briefe schreibt) von Hertha von Gebhardt und Das Haus mit den schiefen Fenstern (eine Geschichte, wo sich ein Junge in einem geheimnisvollen Nachbardorf einen Vater kaufen kann) von Britt G. Hallqvist meine absoluten Lieblingsbücher (die geb ich nicht her, sie liegen grade als gesondert transportierte Kostbarkeiten auf meinem Schreibtisch) Als ich mein erstes literarisches Buch bekam (ausgerechnet Und keiner weint mir nach, von Siegfried Sommer, aus einem Heyne-Prospekt ausgesucht, und irgendwas US-Amerikanisches von einem Schriftsteller mit Nachnamen Disney, leider war es ein anderer und nicht der Erfinder von Micky Maus) war ich etwa zehn. Meine Mutter hatte einen riesigen Bücherschrank. Allerdings las sie nicht viel, es war das Erbe meines Vaters, vorwiegend Rezensionsexemplare oder Werke der Exilliteratur von Alfred Kerr, Heinrich Mann, Feuchtwanger und Co., die mein Großvater aus der DDR schickte. In dem Schrank konnte ich mich fleißig bedienen, Tabus gab es nicht. Aber Hörspiele und Dramen konnte man viel schneller weglesen als dickleibige Romane von Feuchtwanger oder Heinrich Mann, so wurde ich ein früher Anhänger von Heinz Schwitzke, Ingeborg Bachmann und Brecht (Furcht und Elend des Dritten Reiches, danach wußte ich alles!). Dann beann eine lange Perry-Rhodan-, SF-, Ray-Bradbury-Phase und sehr viel später kam noch Tolkien, der Harry Potter meiner Jugend dazu.
    Jedenfalls schien der Besitz von Büchern (am besten natürlich auch das Lesen) in den späten 1960er Jahren erstrebenswert. Es war irgendwie geil, auf der Höhe der kritischen Theorie zu sein mit Marcuse, Wilhelm Reich oder mit dem schwierigen Adorno (den ich noch heute zu lesen und zu verstehen suche). Manche von denen - Ernst Bloch - hab ich noch persönlich als Vortragsredner erlebt. Da hatte ich bereits kapiert, dass seine Thesen schon in den Titeln der Werke enthalten sind (Atheismus im Christentum, Avicenna oder die aristotelische Linke, Das Prinzip Hoffnung, Experimentum Mundi) und die Werke seine Lesefrüchte zur jeweiligen These nachliefern. Irgendwie breitete sich in mir damals die Vorstellung aus, auch ich müsse eine enzyklopädische Bibliothek für alle mich entfernt interessierenden Wissensgebiete zusammentragen: Geschichte aller Epochen, Musik, Philosophe, Meditationsliteratur aus China, Indien und Tibet (I Ging, Mahabharata, Gedichte aus dem Rig-Veda, Sri Aurobindo), Mythen, Heilkräuter, Astronomie und Raumfahrt (die Mondlandung verhalf mir zu einer Mondkarte und zum ersten signierten Buch, Das Weltall und seine Entdeckung von Günter Doebel). Deutsche Literatur, na klar, die interessierte mich schon, weil ich ein Germanistikstudium anfing. Von allen Autoren, die ich mag, oder die ich auf Dichterlesungen erlebte (incl. Signaturwünschen) ein, zwei Bücher, von einigen Werkausgaben (die Freundin einer Freundin verschaffte mir ein gutes Dutzend Meyers' Klassiker-Ausgaben, DDR-Zwangsumtausch sorgte für Aufbau-Klassiker, Lexika, Literaturgeschichten), Außerdem wollte ich alles von Arno Schmidt lesen und alles, was er gelesen oder übersetzt hatte. (Möchte vielleicht irgend jemand da draußen dänische oder französische Übersetzungen von "Aus dem Leben eines Fauns" haben? oder eine dänische Auswahl dt. Gegenwartsautoren von 1970 mit Signaturen von Wolfdietrich Schnurre und Wolfgang Hildesheimer?) Dann kamen noch einige andere Namen, von denen "Alles", jedes Werk, jeder Essay- oder Briefband, jedes kleinste Anthologie-Fitzelchen gesucht und gefunden wurde. Als ich dann studierte, mußten Kindlers' Literatur-Lexikon und neue, bessere Ausgaben her. Natürlich auch von Engländern, Franzosen, Russen, Tschechen etc., alles, was gut und teuer ist: der ganze Swift, alles von Sterne und John Donne und Joyce (aber lese ich Finnegans Wake im Original in diesem Leben noch?), Dos Passos, Robert Frost,  Camus, Sartre, Queneau und (meiner schweizerfranzösischen Freunde halber) Ramuz; Stanislaw Jerzy Lec, Karel Capek, Bulgakow, Daniil Charms, von Tolstoi Anna Karenina und Krieg und Frieden (hörte letzteres kürzlich in 1000 Folgen im Radio, statt es zu lesen), Dostojewski, Gogol, Jurij Trifonow, Louis Paul Boon, Anthony Burgess, Lewis Carroll, die Südamerikaner und noch ein paar Dutzend mehr. Broschuren gab's damals für umgerechnet 25, später 50 Cent auf Ramschtischen, die direkt am Wegrand vom Bahnhof zur Uni lagen. Billig-Bouvier wurde mein Stammlokal, wo ich mehr Zeit verbrachte als im E-Raum! Zudem brach die Zeit von Zweitausendeins-Buchpaketen und "im Schuber" verpackten Taschenbuchklötzen an (ich sage nur: Goethes Weimarer & Hamburger Ausgaben, Grimmsches Wörterbuch, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens usw., usw.).
    Ja, ich bekenne mea culpa, es war nicht normal, ich war nicht ganz dicht, es war Suchtverhalten, ich beging die Kardinalsünde der voluptas (Völlerei). Dafür belohnte mich Abend für Abend der Anblick der bunten, verheißungsvollen Buchrücken, und das beruhigende Gefühl, jederzeit etwas herausgreifen und lesen, zitieren oder vorlesen zu können (ich liebe Rückenansichten, aber nicht dass ihr glaubt, ich sähe mir alles, was ich mag, nur von hinten an, da wurde von vorn, seitwärts und in allen denkbaren Positionen geblättert, gelesen, gelacht und geseufzt - sitzend, liegend, stehend, beim Essen und Zähneputzen, kartoffelschälend oder Pizzateig knetend, und natürlich auf dem Klo).
    Schließlich wurde ich in einem Verlag angestellt und kriegte neben der Gesamtproduktion vieles von anderen Verlagen, auf Buchmessen, in Verlagsetagen, augenzwinkernd von stolzen Autoren zugesteckt... Ich wurde Übersetzer, Herausgeber, Autor - noch mehr Werbeexemplare und Belege. Anrufer im Oktober vermuteten zu Recht, dass ich von den soeben gekürten Literatur-Nobelpreisträgern (z.B. Neruda, Canetti, Claude Simon, Kértesz, Naipaul) immer schon ein, zwei Bücher im Regal haben könne (traf aber nicht immer zu). Gottlob kam ich in keine Literatur-Jury, sondern rezensierte vorwiegend "nur" CDs, die dann ebenfalls über mich hereinbrachen, aber das ist ein andres Thema. Schließlich meine Dissertation, die mir ermöglichte, den Ankauf vieler schöner Erstausgaben des 19. Jhds. steuerlich als Fachliteratur zu behandeln. Und endlich die Vereinsgründung: noch mehr Bücher, als Geschenke, Werbeexemplare, unverlangte Zusendungen von Leuten, die beurteilt (aber nur gelobt!) werden wollen, die selbstherausgegebenen Bücher des Vereins, und so weiter, und so weiter... Graffiti an der Kölner UBAber wie verhielt sich das alles zu den asketischen Idealen meiner Jugend? "Intensiv leben, früh sterben" (Janis Joplin), "die vielen Dinge machen uns arm" (Indianerweisheit), "nie mehr mitnehmen, als man mit einer Hand tragen kann!" (Jonathan, ein Motorradfreak und Gras-Dealer)??? Bei einer Zählung, die ich vor etwa fünfzehn Jahren unternahm, hatte ich 3.500 Bücher, heute wird es mehr als das Doppelte sein. Ich habe jedes Exemplar kürzlich in der Hand gewogen und eingepackt, und werde bald wieder jedes Exemplar in die Hand nehmen. Und ja, ich habe ich von vielem bereits getrennt und werde noch mehr aufgeben. Just get on the bus, Gus, you don't need to discuss much... Unten im Keller habe ich 5 Kisten in 3 Reihen zu einer Höhe von 4 Kisten getürmt, macht 60 Bananenkartons prallvoll mit Büchern (getragen haben wir immer die halben Kartons, wäre sonst zu schwer), ein summendes Kraftwerk aus Büchern, eine wahre Fußbodenheizung des Geistes. Aber es enthält immer noch zuviele Brennstäbe und darf keine Endlagerstätte werden.
    Nehmen wir den Autor Alan Sillitoe: Ich liebte ihn abgöttisch, seine sozialkritisch-realistischen Kurzgeschichten törnten mich an, alle Romane von der Einsamkeit des Langestreckenläufers über Samstag nacht und Sonntag Morgen bis zu Nihilon - brauche ich das noch? Nein. Auch Bücher, die ich sehr liebte, von Marquez, Singer und Co. sind nach oft mehrmaliger Lektüre abgeliebt und bedürfen keiner Erneuerung. Das Beste davon habe ich im Kopf. Auch anderes, darunter manches Alt- oder Fremdsprachliche, werde ich es je lesen, mich in die Fremdprache vertiefen, auf keinen Fall Griechisch, aber noch einmal Latein angehen? Alles von Goethe, Heine und Co. behalte ich (noch), das meiste aus der neueren deutschen Literatur, natürlich Widmungsexemplare und liebe Geschenke, aber die mittelhochdeutschen Ausgaben? Das Statistik-Lehrbuch? Die Alfred-Adler-Bände und die vielen politischen Schwarten, Psycho-Kommunardenliteratur, Rudi Dutschkes Sozialismus-Analysen, in sozialliberaler Belle Epoque ein kritischer Stachel, heute längst überholt? Ein Buch aus dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt hab ich dem penetrant-altstalinistischen, lernunfähigen Autor kommentarlos zurückgeschickt. Marxens Kapital in 3 Bänden ließ ich fahren (nicht allerdings die köstlichen Briefe); behalten werde ich Adorno und (vermutlich) auch den Bloch, vielleicht nehme ich es auch mit Kant oder Hegel als Leser nochmal auf... vielleicht ist das falsch oder auch das noch zuviel des Guten. Esoterik ging dahin, Soziologie & Politik weitgehend, von Geschichte blieben nur Standardwerke, Linguistik und Kommunikationstheorie ist längst weg. Mythen- und Märchenbücher aus aller Welt, da überlege ich noch, ob ich mich auf diesen noch unberührten Kosmos dereinst einlasse.
    Andrang am Bonner BücherschrankAndrang am Bonner BücherschrankDas meiste haben die Studenten der Uni Köln gekriegt, alle paar Tage rollte ich einen großen Rollkoffer zur Ablage. Es war auch alles bald verschwunden (vielleicht sieht man manches auf Flohmärkten wieder), nur die dänischen Ausgaben von Robert Neumann  lagen länger herum. Auch die UB Bonn hat so eine Ecke, zudem gibt es dort den Bücherkasten (dessen Transfergeschäft sich die Studenten der Marktforschung nicht erklären können), wohin Kornelia den Versailler Vertrag, Oswald Spenglers Untergang des Abendlands, die Dokumente zum Zweiten Weltkrieg und den gesammelten, veralteten "Gebhardt" (eine historiographische kommentierte Bibliographie) brachte. An einem Sonntag glaubten wir schon, zuviel mitgebracht zu haben, aber nach einem Spaziergang durch Bonn war, wie wir zur Poppelsdorfer Allee zurückkamen, die Hälfte der Fuhre weg, und wir konnten nachlegen - worauf es zu einem regelrechten Ansturm kam, man ließ uns kaum durch! In die Hürther Zelle kam die leichtere Kost für Hausfrauen und Bauernburschen: Stephen King, Kochrezepte, Reisebücher, Zeichen- und Bastelanleitungen, von mir übersetzte Thriller und Liebesromane (anstatt anständiger Honorare gibt man verlagsseitig gern mehr Belegexemplare, mit denen man allerdings im Bekanntenkreis, wenn es literarisch von minderer Güte ist, auch nicht grade Ruhm erwirbt). Leichtere neuwertige Unterhaltungsromane kriegt Kornelias Mutter für einen Basar, wo ebenfalls Bücher für gratis oder für kleines Geld zu gutem Zweck verteilt werden. Kurz, die papierne, gedruckte und gebundene Weisheit, die in den letzten 25 Jahren stagnierte, kommt wieder in den Fluß. Und dagegen ist doch nichts einzuwenden, oder?

     


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  • Heute um 8.00 geht es los. Alle Schränke sind geräumt, der Inhalt verpackt, Regale etc. abmontiert, Bilder abgehängt, 100.000 Einzelteile (vor allem Bücher und Ordner) schon in der neuen Wohnung... Mal sehen, ob mein Nachbar, der so gern die Parkplätze meiner Wohngegend möbliert, den Parkplatz vor dem Haus freimacht, damit die Möbelpacker das Umzugsgut nicht um seine Höllenmaschinen herumbugsieren müssen. Er stellt auch Motorräder links und rechts von seiner Einfahrt so auf, dass er praktisch über zwei Grundstücke einschließlich aller Parkplätze gebietet.Drei Parkplätze für einenBitte freilassen, Herr Nachbar
    Freundlich gebeten haben wir ihn schon per Schild.
    Aber er hat schon angedeutet (nicht mir persönlich, sondern im Vorbeigehen meiner Frau), er habe dann "Dreharbeiten", müsse nachts arbeiten, unsere Umzugsfirma soll den Kasten doch vor seine Einfahrt stellen - dabei hat er zwei halbwüchsige Söhne. Aber da ist noch ein PKW, augenscheinlich mit platten Reifen, der parkt seit vielen Monaten dort, ohne bewegt zu werden - ebensowenig wie der Nachbar seinen Schrott. Darüber, dass kein anderer dort einparkt, wacht die selbsternannte concierge im Erdgeschoss, die auch gern mal Post von mir in ihre Wohnung nimmt, der Briefträger reicht sie ihr plaudernd durchs Fenster, statt sie in den Briefkasten zu stecken oder dem Adressaten auszuliefern, selbst wenn der persönlich herunterkommt. Sie passt auf, dass hier nur ihre Freunde parken und hat außer einem Teddy in Polizeiuniform, der eigentlich für durch Unfall o. ä. traumatisierte Kinder vorgesehen ist (sie ist bei jedem Unfall, jedem Blechschaden, jedem Notarztruf in der Straße als erste Sachverständige vor Ort), sogar einige dieser humorigen deutschen Schilder im Fenster: Vorsicht, bissiger Nachbar! und Wer hier parkt, fährt auf Felgen heim. Heute hat sie ihren großen Tag, bei schönster Aussicht, denn die Arbeiter müssen mit meinem Hausrat unter ihrem Fenster defilieren, und das kann dauern, wenn der Parkplatz nicht - wie es unter netten Menschen mit guter Sozialisierung selbstverständlich wäre - für drei oder vier Stunden geräumt wird. Wir werden sehen!

    Ein paar Stunden später:
    Tatsächlich, der Anhänger blieb stehen, die Halter ließen sich nicht blicken, ebensowenig wie der des immobilen PKW, der seit Monaten wie einzementiert vor dem Haus stand; ich glaube, er hat platte Reifen.Bitte-freihalten-Umzugsschild (Inzwischen durch Winterreifen ersetzt, ein Motorrad des Filmmagnaten steht hält jetzt dort den Platz besetzt.) Jedenfalls musste unser türkisches Helferteam vom Niederrhein in der 2. Reihe parken und Autoverkehr ein bisschen, den Fahrradverkehr stark behindern. - Natürlich gibt es in dieser Gegend auch noch andere Zeitgenossen, die mit ihrem Krempel die Straße dauerhaft möblieren. Diejenigen, die ihre Bierbuddeln auf jedem Mauervorsprung oder Blumenkasten abstellen, hinterlassen wenigstens keine unvertilgbaren Spuren, da die Sammlergilde das Pfandflaschengut alsbald beseitigt (Unbepfandetes, wie die Coffee-to-go-Becher vom nahegelegenen Subway-Imbiss, bleibt liegen). Andere, die gegenüber im Hypermarché eingekauft haben, lassen gern ihre Pfand-Einkaufswagen stehen. Radler, die ihres Drahtesels überdrüssig sind - vielleicht sind es auch Studenten, die unversehens in die äußere Mongolei auswandern - , ketten ihn am Laternenpfahl oder anderswo an und kommen nie wieder her, um ihn abzuholen. Daher gibt es kaum Parkplätze für Radler. Die besseren Funktionsteile werden nach und nach abgeschraubt, der angekettete Rumpf bleibt. Man sollte Nummernschilder einführen - für Räder und für Einkaufswagen, deren Nutzer notfalls den Plastikchip drinlassen den Euro mit der Kneifzange aus der Anschließvorrichtung reißen, um den Warenkorb am Straßenrand auszusetzen. Letzteres ist aber nicht ungünstig, wenn man umzieht und Nachbarn ihre Mobilien stur vor dem Haus stehenlassen. In so einen herrenlosen Einkaufswagen kann man bis zu drei Bananenkisten mit Büchern zum entlegen geparkten eigenen Auto transportieren. Als die Familie meines Hauswirts weggezogen war und fünf Wohnungen bei uns leerstehen ließ, hatte er gleich die Park- und Gesetzeslücke entdeckt und nutzt nun den Platz gewerblich, auf den Madame Pseudo-Concierge - vielleicht ebenfalls gewerblich? - ein Auge für ihn hält.

    Man hätte ein absolutes Halteverbot erwirken und ein Verkehrsschild mieten können, das kostet allerdings 33 € Gebühr zzgl. Schild-Miete, und der Nachtmahr wäre doch nicht abgerückt und hätte das Knöllchen von max. 25 € in Kauf genommen, mein Nachbar ist so drauf, dem ist das wurscht, und die Polizei hätte ihn wegen der Bagatellverkehrsstörung vermutlich nicht abschleppen lassen. Also hatte ich mein eigenes Schild gebastelt, und weil es so schön ist und die Sperrmüll-Abfuhr auch den Ständer nicht mitgenommen hat, lasse ich es noch eine Weile liegen, vielleicht mehrere  Jahre? Damit jeder sieht, wes Geistes Kind die Leute hier sind.  Fahrrad und Einkaufswagen Und dann gibt es noch den französischen Nachbarn, den Hersteller von Pferdestärkendroschken, der immer neue Blechkisten anliefern lässt, mit ebenfalls in der zweiten Reihe stationierten Transportern, aber zum Abstellen der Verkaufsware okkupiert er wenigstens nicht die öffentlichen Parkplätze, sondern hat sein eigenes riesiges Areal hinterm Haus. Außerdem entschädigt der Franzose die Anwohner anlässlich von offenen Verkaufs-Sonntagen durch Werbegeschenke wie Umhängetaschen oder Kaffeetassen mit Firmenlogo, während der Höllenmaschinen-Nachbar früher jedem, der auch nur im Fünf-Meter-Abstandsbereich von seinem Hof parkte, einen Zettel an die Windschutzscheibe zu heften pflegte: Sie behindern wichtige Dreharbeiten! (er leiht seinen Schrott, wenn er nicht grade vor meinem Haus herumsteht, an Filmproduktionsfirmen aus, offenbar läuft das Geschäft seit vielen Monaten schlecht). Lieferung neuer AutosDer Franzose hat einen einen eigenen Parkplatz für sein Angebot, statt öffentlichen Raum gewerblich zu nutzen, und zweitens macht er ca. viermal im Jahr Event-Sonntage ("keine Beratung! kein Verkauf!") mit Kaffee und Kuchen, Grillfleisch und Kölsch und Musikband für die gestressten Anwohner, die, wenn sie seine Marke fahren, mitunter auch mal ein Werbegeschenk abstauben. Das konnte mal ein Wasserball, mal eine Tasse mit Köln-Silhouette oder auch eine knallgelbe Umhängetasche sein (meine zweite beginnt mittlerweile auszufransen). Außerdem war der Service wenn auch nicht grade billig, so doch zuverlässig und freundlich, und gleich neben der Riesenfirme gibt's noch einen Pneu-Händler, wo nun die Sommerreifen unseres Wagens gelagert sind, was vorher in meinem Keller möglich war (wir lassen sie nicht auf der Straße herumstehen oder -liegen). Dort stauen sich, seit der erste Frost kam, auch jeden Morgen die Wechselwilligen in der 2. Reihe, bis Polente kommt und dem Spuk ein Ende macht.

    Gartenseite der alten WohnungAlles in allem hab ich gern hier gewohnt, bis vor einigen Jahren das Viertel herunterzukommen begann. Die Straße war laut, dreckig, eine Rennpiste für Verrückte, die sie für einen Autobahnabzweig nach Bonn hielten, wenn jemand sie zu überqueren wagt, wird nicht gebremst, sondern gehupt - und beschleunigt! und jede Woche gab es zwei Blechschäden, die vom Fenster im Erdgeschoss gut zu beobachten sind. Aber der Blick aus dem Küchenfenster (im Bild: das linke Dachfenster) auf den verkrauteten Garten des Hauswirts entschädigte für vieles, von hier kam auch gute Luft. Allerdings hatte ich noch andere Probleme im Haus: oben Ratten im Speicher, gegen die der Vater des Hauswirts Mausefallen auslegte - mit denen hörte ich die Viecher nachts Fußball spielen, am andern Tag fehlte der Köder.Im Keller verschimmelte Briefe Im Bad funktionierte die Wasserleitung nicht und gab nur ein dünnes Rinnsal ab, auf Besserung war nicht zu hoffen, ich solle den Hahn weiter aufdrehen, teilte man mir im Brief an den Mieterverein mit. Auch noch vor vier Wochen, als es um eine Mieterhöhung (!) ging, freilich ohne die Absicht, etwas gegen die feuchten Wände im Treppenhaus zu tun, oder gegen den nassen Keller,Garten-Blick aus dem Fenster in dem mir die dort deponierten Briefe der Jahre 1982 bis 1984 regelrecht verschimmelt sind.Gitarrenkoffer des Liedermachers Die hätten vermutlich nicht mal díe Restauratoren des Kölner Stadtarchivs mit ihrer Gefriertrocknungs-Methode zu retten vermocht. Von anderen Schätzen habe ich mich bei diesem Umzug gar freiwillig getrennt - mein alter, aber nicht mehr zu schließender Gitarrenkoffer, den ich auf vielen Liedermacher-Tourneen mit Aufklebern geschmückt habe, z. B. mit Werbung gegen Strauß bei der Bundeskanzlerwahl, für einen Feuerlöscher, für Hoyaer Fleischschweine oder für den Bonner Neanderthaler. Ich kann nun mal nicht alles aufheben und ein "Museum meiner selbst" eröffnen - dazu fehlt denn doch der Platz, wenn man einen Lebensort nach 25 Jahren aufgibt, um mit dem Partner in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Vermissen werde ich vielleicht auch Möbelwagen vor dem Umzugshausmanche meiner Nachbarn, wie den mit Migrationshintergrund von gegenüber, der ganzjährig einen gitarrespielenden Weihnachtsmann auf seinem üppig bepflanzten Balkon hält. Möbelpacker und ZuschauerZur Weihnachtszeit stellt er zusätzlich eine aus LED-Lämpchen gebildete Gruppe von Leucht-Rehlein auf, ein Elch senkt und hebt perodisch den Kopf, als ob er in seinen Blumenkästen grasen wollte. Dieses Anblicks werde ich also zum kommenden Weihnachten entbehren müssen. Dieser Nachbar (er ist aber nicht des Besitzer des ominösen PKW) hat sich die Prozession meiner Möbel und des Hausrats allerdings auch nicht entgehen lassen, während meine Concierge, jedesmal wenn ich zu dem Fenster schaute, verbissen abwandte und in ihren EXPRESS guckte. Apropos EXPRESS, der hatte gestern die Schlagzeile Google-Street-View / Peinlich! / Das Stadt-Archiv steht noch - dieses Werbeblatt für eine kuriose Fotoserie pflückte ich mir noch vom Automatenkasten, um es als Andenken in meinem Keller aufzuhängen. - Ein großes Lob noch an die Duisburger Umzugsfirma, die im Hürther Wochenblättchen inserierte und das von uns vorbereitete Transportgut schnell, effizient und klaglos abräumte. Mein muskulöser 17jähriger Neffe (Rudersportler, ging danach noch zur Muckibude) hat auch mitgeholfen, und wir hatten ebenfalls unser Päcklein zu tragen. Jetzt ist erstmal alles vollgestellt in der neuen Wohnung, ohne Ordnung und Verstand, aber das wird sich noch ändern. Übrigens haben wir selbstverständlich noch die Treppe geputzt in dem Haus, wo ich bisher wohnte, von oben bis unten, wir sind ja kein asoziales Gesindel. Dafür empfehle ich mal einen Neujahrsbesuch vor der überbreit definierten Hauseinfahrt des Filmmagnaten. Der brennt in jeder Sylvesternacht ein Wahnsinns-Feuerwerk von Billigkracherpaketen ab und lässt die Überreste wochenlang liegen und latscht (oder fährt) da durch, bis sich die städtische Straßenreinigung irgendwann erbarmt und vor seiner Türe kehrt. Wenn er das noch für sich allein machte, meinetwegen, sowas soll's geben, aber wie gesagt, der Mann hat zwei Söhne im Alter meines Neffen... was die Sozialprognose angeht, kein gutes Vorbild!


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  • Mein Blog ist kein Tagebuch - über die Rechtsgeschäfte führe ich Buch im papierenen Terminkalender. Hier werden nur die besonderen Events der Fasti-Zeit dokumentiert, in Wort und - so weit es die Mini-Speicherkarte in meiner Elektrokamera zulässt (8-10 Aufnahmen, dann ist der "Speicher voll") - Bild. Work in stagnationBlättert man im Bilderalbum der Erinnerung zurück, könnte allerdings der Eindruck aufkommen, als hätte ich die Herbstferien ausschließlich in der Tapetenbibliothek verbracht (in Schriftrollen mit seltsamer, schwer entzifferbarer Symbolik vertieft), zum körperlichen Ausgleich dann auf Leiter-Bergwanderungen und am Ufer von Kleister- und Farbseen, um mich des Abends in ein eher karg möbliertes Hotel zurückzuziehen.Behelfseinrichtung Doch weit gefehlt: Nach stundenlangem Herumirren in der weißen Hölle von Piz Palü war ich schneeblind und ließ mich in die heiße Badewanne, anschließend in den Fernsehsessel fallen, der freilich noch in Hürth steht, um später im Traum an den Dachschrägen meiner jetzigen Wohnung weiterzutapezieren - oder, in Kornelias Traum, meine Mitmalerin aufzufordern, einen Vertrag mit roter (!) Tinte auf einer lebenden (!), schneeweißen Katze zu unterschreiben, was sie natürlich nur mit Widerwillen tat.

    Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus. Im Bemühen, wenigstens die ersten sonnigen Tage der Herbstferien noch auszukosten, haben wir verschiedentlich Exkursionen unternommen, und zwar nicht nur auf den Baumarkt. Der erste dieser Ausflüge führte am Montag nach dem Dezimalgeburtstag nach Bonn, und da hier einige ehemalige Bonner mitlesen, habe ich meine Eindrücke bildlich festgehalten und Neuigkeiten gesammelt. Bonner Universitäts-HauptgebäudeEigentlich wollte ich nur ein Buch in die UB zurückbringen, bevor das Umzugschaos beginnt, aber dann sind wir noch ein bisschen geblieben. Bonn ist nämlich eine Reise wert. Ja, die Universität ist nach wie vor - von außen, wohlgemerkt - die Lieblichschönste, so viel ich sah, der von den Studis aller Länder bevölkerte Hofgarten ist immer noch grün (im 19. Jhd. hatte jeder Professor das Recht, eine Kuh dort zu weiden), und über dem Durchgang zum Universitätshof lächelt Goldelse Regina mit dem schönen Nachnamen Pacis (damit aber die Friedensbewegung,
    Eingang zur Unidie mal zu Hunderttausenden auf dem Hofgarten versammelt war und Willy Brandt lauschte ("ohne Frieden ist alles nichts"), keine Horden atomar bewaffneten Taliban ins Land lockt, steht im Innern der Uni der ebenfalls übergoldete bleierne Erzengel Michael auf Posten, mit dem Flammenschwert und der Parole "Quis ut deus" auf dem Schild). Obwohl ich bei einem meiner letzten Besuche zufällig meinem Doktorvater begegnete und ihn beim Austreten einer Zigarette auf den Marmorfliesen im Treppenhaus ertappte (hat der früher je geraucht? und wir hatten immer dermaßen Respekt, vor dem Prof und den heiligen Hallen, wollten sogar zu seinem Sechzigsten heimlich die Büste von A. W. Schlegel im Seminar durch einen Gipskopf des Meisters ersetzen), hege ich keine unfreundlichen Gedanken an die Alma Mater, die mich aufgezogen, gestillt, für einige Jahre sogar in Arbeit und Brot gesetzt hat. Heute allerdings verlangt die Universitätsbibliothek von mir als unberufenem und nicht-mehr-zugehörigem Fremdnutzer satte Jahresgebühren, damit ich mir ab und zu mal was aus den Beständen ausleihen darf, deren Erwerb ich als Steuerbürger in NRW (die UB ist auch Landesbibliothek) sowieso bezahle. Und das, wo ich die Bücher doch teils, weil ich viel bei NRW-Verlagen wie Lübbe, Econ etc. publiziert habe (Landesbibliotheken kriegen gratis-Pflichtexemplare), auch noch im Schweiße meines Angesichtes selber schreiben, redigieren bzw. übersetzen musste!

    Eine Neuigkeit gibt es aber doch, für alle, die gelegentlich im Historischen Seminar neben dem Alten Zoll gebüffelt haben, wo inzwischen nicht mehr nur Ernst Moritz Arndt (dem sie neulich in Greifswald die Universitätsehre nehmen wollten - dabei war er in Bonn ein Opfer der sog. Demagogenverfolgung geworden, hatte Hausdurchsuchungen, Lehrverbot und Kürzung der Bezüge erlitten!), sondern auch Heinrich Heine ein Denkmal gekriegt hat, letzteres von Ulrich Rückriem.Historisches Seminar Das Gelände neben dem Historischen Seminar wird umgebaut, das Hotel Beethoven in der Rheingasse (dem Theaterbau gegenüber) und der Parkplatz rechts davon sind nur noch eine riesige Baugrube. Es gab da einst ein Chinesisches Restaurant, in dem ich - als Bonn-Pendler des ewigen Mensafraßes überdrüssig geworden -, in meinen Besserverdiener-Zeiten (ich habe während des Studiums gearbeitet) manche Frühlingsrolle verspeist habe. Das ist nun alles dem Erdboden gleich gemacht und wir konnten nur durch den Bauzaun spinxen.

    Baugrube am BrassertuferAber was war das? ein Totenschädel, der uns da unter dem Sonnenschirm zähnebleckend entgegengrinste?
    Waren wir einem Verbrechen auf der Spur, handelte es sich um beklagenswerte Weltkriegsopfer in einem nie geräumten Luftschutzkeller, oder wurde hier eine grausige Untat ans Licht der wirklich erstaunlich oktoberwarmen Sonne gezogen?

    Archäologischer LeichenfundDer Mann mit der Schubkarre legte einen Rahmen, oder irgendein anderes Quadrat über den Schädel, und ich knipste ein Beweisfoto (leider kann ich nur sehr eingeschränkt zoomen). Tatsächlich handelte es sich um Skelette aus karolingischer Zeit, von denen insgesamt 18 beim Ausschachten gefunden wurden, Wie ich später der Presse entnahm, waren Schnappschüsse strengstens verboten, und biederen Bonner Bürgern mit lokalhistorischem Interesse wurde das Durch-den- Bauzaun-Gucken verwehrt. Gerhard Geiß, der sich im General-Anzeiger darüber beklagte, hat inzwischen eine Dokumentation über das Leben in diesem Hafenviertel an den Bauzaun gehängt. Zwischen Oper und Altem Zoll lag früher die Rheinwerft, es gab das Giertor, das Restaurant "Vater Arndt", eine Kneipenszene und enge Gäßchen mit winzigen Häusern, wie man sie manchmal noch in Rheindörfern findet. Und es gab die Gertrudiskapelle, zu der das Gräberfeld gehörte. "Es handelt sich ausnahmslos um christliche Gräber", stellte der Ausgrabungsleiter bedauernd fest ("noch nicht mal ein Keramikgefäß") - die enttäuschte Gier in den Gesichtern der Erben ist stets das Schönste an der TV-Sendung Kunst und Krempel. Er hätte lieber ein paar Grabbeigaben mehr gefunden als den verwelkten Totenkranz, den ein weibliches Skelett nach fast zwei Jahrtausenden noch immer in den knöchernen Fingern hielt.

    Nach neuester Erkenntnis des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin gehören allerdings nicht nur Christen und Karolinger (deren Großvater Karl Martell die arabische Streitmacht noch erfolgreich zurückgeschlagen hat), sondern auch der Islam zu Deutschland. Özedemir-Plakat in BonnOb es "den" Islam gibt, darüber streiten sich noch die Gelehrten. Wahrscheinlich meinten die beiden eigentlich, dass "die Türken" zu Deutschland gehören (als Politiker drückt man sich gern vor der Konkretisierung, aber wer weiß, dem könnten integrations-unwillige Deutsche vielleicht eher zustimmen als dem Einbau des abstrakten Islam als solchem in die christlich-abendländische Grundordnung). Denn zur Türkei gehören ja nach Wulffs Meinung wiederum die Christen, die er dort besucht hat. Schließlich war Kleinasien eine wichtige Keimzelle des Christentums (es war ja keine Erfindung des Abend- sondern des Morgenlands), und soweit die Nachkommen der Christen von damals noch auf türkischem Hoheitsgebiet leben, wohnen sie in Istanbul. Und für uns gehören die Türken auf jeden Fall zu Bonn; es war also für uns nicht überraschend, am 11. Oktober in der Adenauer-Allee (plakatiert vor dem jetzt universitären Institut Français, wo ich durch Zufall von der großen Napoleon-Ausstellung erfuhr, die im Dezember nach Bonn kommt) einem namhaften schwäbisch-türkischen Parteiführer zu begegnen, der seine Stellungnahme zur Integrationsdebatte überdies auch noch im Frauenmuseum abgeben will. Was Cem Özdemir am 28. Oktober vor den emanzipierten Museumsfrauen sagen wird, entzieht sich unserer Kenntnis, aber ein aufmerksames und hoffentlich auch streitbares Publikum wird sich dafür interessieren!

    Für uns ist allerdings das türkische Restaurant Opera ("Mehr türkische Spezialitäten finden Sie im weiten Umkreis nicht!") in unmittelbarer Nähe zum Ausgrabungsort des Karolingerfriedhofs die Bonner Zentrale deutsch-türkischen Kulturaustauschs, zumindest auf Vorspeisenniveau. Man kann zur wärmeren Jahreszeit draußen sitzen unter Palmen, aber auch drinnen findet man immer einen Platz, außer nach Opernpremieren... Opera-Terrasse in Bonn "Unaufgeregt normal verrichten hellwache Kellner aus aller Herren Länder ihren Dienst am Gast", heißt es auf der Webseite, und aller Länder Herren und Damen kennen das Lokal - wir hatten mal eine Musikkritikerin aus Österreich und ihren Ehemann als Schlafgäste, denen wir das Opera gar nicht empfehlen mussten, die kannten das schon. Hier schmauste ich 1993 mit einigen Freunden nach meiner "feierlichen Promotion" (meiner Mutter zuliebe, das volle Programm: Kandidatenaufmarsch im Rokoko-Treppenhaus, professorale Trachtengruppe, Verlesung meines Dissertations-Titels auf der Bühne der Aula, wobei sich der Dekan fast verschluckte). Ich habe eine Freundin, die sich mit mir fast jährlich zu adventlicher Zeit in Bonn trifft, und mich freundlicherweise zum Essen einlädt, aber sie will immer ins "Pizza Hut", weil sie meiner dringenden Empfehlung des Opera-Restaurants nicht folgen möchte, sie traut mir nicht und meint wohl, das wär' auch bloß so 'ne Dönerbude. Dabei ahnt sie kaum, welche phantastischen Vorspeisengenüsse ihr dabei entgehen, Opera-Terrasse in Bonnals da wären Antep Ezme, Tonbalik Ezme, Muhammarra, Hommos, Cerkez Tavuk, Tarama, Dolmadakia... und die 6 Vorspeisen mit Brot zu 7, 50 € reichen völlig aus, wenn man zu zweit bestellt, die werden von Kornelia, die wie ich Großfamilienkind ist, gerecht aufgeteilt und mit Brot, einer Schale Linsensuppe und einem Glas Ayran hat man dann schon eine vollwertige Mahlzeit (wobei es im Opera in der Woche von 13.00-15.00 Uhr durchaus bezahlbare Mittagspreise gibt).

    Jedenfalls endete in den letzten Jahren schon mancher Bonn-Ausflug (mal in die UB, mal zum Kaffee-Kaufen in der letzten kleinen Rösterei, zum Wellenbadreiten im Römerbad, zum Bücherstöbern im Billig-Bouvier oder als Abstecher bei einer Rückreise aus Süddeutschland) auf der Terrasse des Opera. Am Brassertufer, wo wir diesmal auf den Bauzaun rund um das ehemalige Hafenviertel nebst Karolingerfriedhof stießen, kann man immer noch für 2 Stunden umsonst parken, und nach einem Spaziergang am Rhein, dessen Anblick für meine Frau ein Lebenselixier ist, und einem letzten Gruß an das Siebengebirge steigen wir ein und fahren heim.

    Opera-Terrasse in Bonn


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  • Heute früh war ich - statt eine Stunde im Grüngürtel mit Laufen in der Unendlichkeitsschleife und Herumhüpfen zur Lockerung zu verbringen - mal wieder im Agrippabad, zum Frühbucherrabatt. Da muss man spätestens Punkt 7:29 Uhr das Billet gelöst haben, wenn man für den Jugend-Preis von 3,50 € baden will, (ab 7.30 kostet es 5 €) - gültig für einen Aufenthalt von immerhin zweieinhalb Stunden - soviel will ich gar nicht. Billet? Man bekommt eine kleine runde Plastikmünze, die man in den Automaten am Drängelgitter wirft, dann darf man durch, darf aber nicht vergessen, die Plastikmünze mitzunehmen, sonst kommt man anschließend nicht heraus. Diese Münze dient dann auch zum Verschließen der Spinde, in die man seine Klamotten samt Rucksack einschließt: man steckt die Münze auf den Plastikgriff des Schlüssels, den man anschließend ums Handgelenk gürtet. Alles recht kompliziert. Anschließend Dusche und Haarwäsche, und auf geht's ins feuchte Nass.
    Leider ist trotz früher Stunde schon viel los; natürlich nutzen viele den Frühbucherrabatt. Zwar findet gegen viertel vor 8 eine Art Schichtwechsel statt - wer vor Arbeitsbeginn eine Runde schwimmen geht, macht sich dann auf den Weg, und Senioren strömen ein, die daheim noch gefrühstückt haben -, aber die Bahnen sind gut gefüllt. Es gibt auch nicht viele Alternativen. Der Namensgeber des Agrippabades zählte in Rom um das Jahr 31 v. Chr. 170 öffentliche Bäder - von den privaten mal abgesehen. Damals war Rom bereits eine Millionenstadt, in der Spätantike soll es 1,5 Mio. Einwohner gehabt haben. Köln betreibt für seine 1 Million Einwohner 14 Bäder, und von denen sind mindestens 2 wegen Umbaus auf Jahre geschlossen, andere von der endgültigen Schließung bedroht.  Soviel zum Thema "nördlichste Stadt Italiens"...Nach dem Crash...
    Da ich mit Vorliebe auf dem Rücken schwimme, die Arme nach hinten gestreckt rudernd, und zwar eine Bahn nach der anderen (gegen die Bahnen zu schwimmen oder sonstwie zu plantschen, hat hier gar keinen Zweck), muss ich mich alle paar Züge umdrehen, um nicht irgendeinen Zeitgenossen zu touchieren. In den schwimmnachbarfreien Zonen kann man mit den Armen rudern, wie ich es immer tue, den Kopf zurücklegen, die Uhr beobachten oder das Bademeisterhäuschen und nachsinnen, ob das Rostrot-auf-Grün-Geflecke an der Wand gegenüber eigentlich "Kunst am Bau" oder Korrosion der Wandverkleidung darstellt, oder ob die an der Decke fehlenden Kacheln wohl irgendwann mit Karacho ins Becken gefallen sind, um arglosen Rückenschimmern das Gesicht zu zertrümmern. Witzig ist der Kleinkrieg zwischen Blindcrawlern, die ihre Bahnen in Höchstgeschwindigkeit zurücklegen, Kopf unter Wasser und wenn über Wasser, mit einer sichtbehindernden Schwimmbrille ausgestattet, und den Rückenschwimmern, die selbst bei größtmöglicher Umsicht mit derartigen U-Boot-Attacken nicht rechnen können. Freilich gibt es keine Bahn-Card-Reservierung, allenfalls für irgendwelche Sportvereine, die zu gewissen Stunden die Hälfte des großen Beckens für sich beanspruchen.
    Da ist mir eine andere Spezies sympathischer: die sog. Klaavbotzen. Sie ziehen die Badehose (Botze) hauptsächlich an, um ins Wasser zu steigen und in traulichem Plausch (Klaav) am Beckenrand zu verharren. Dort sind sie gewissermaßen auch Kläävbotzen, stehen also herum wie festgeklebt und verhindern das Andocken der Bahnenschwimmer. Dafür bekommt man beim kurzen Berühren der Stange und neuerlichem Abstoßen gelegentlich aufschlussreiche Gesprächsfetzen mit. "Ich jebe Ihnen mal dat Mittel zur Linderung, natürlich janz unverbindlich, hät der Aaz för misch jesaht", heißt es dann, oder "dä knöselige Laumann, dem schick ich ne Jerichsvollzieher op de Hals, wenn dä nit bald zahlt", oder "hör ens, dä Häbäät-Theo, dä wolld doch auch ahl komme mit singem Claudia, wo stecke die dann blohs?" (nur in Köln gibt es gehäuft Mitmenschen, die auf den Vornamen Herbert-Theo hören, ob das ein Lokalheiliger ist?), und "die han sisch all, der Moder zeliebe, noh däm Bejräbniss versammelt und sin noh dojeblivve" - wutsch, hat man sich umgedreht, abgestoßen und ist schon wieder unterwegs. Die Herrschaften tragen natürlich volle Montur - Badehaube auf dem bemoosten Haupt, Schwimmbrillen und topmodische Badehosen - aber falls sie überhaupt mal eine Bahn schwimmen, dann nur, um das Plaudereckchen am einen Beckenrand für die nächste halbe Stunde mit dem gegenüberliegenden Beckenrand zu vertauschen. Nun, auch im antiken Rom waren die Thermen Treffpunkte gesellschaftlichen Lebens. Aber wo sind dann heute die Bibliotheken, Gewürz- und Olivenölhändler, freiberuflichen Masseure aus Nubien, die ihre Dienste feilbieten? Allenfalls kann man zu einem saftigen Aufpreis die Muckibudengeräte im 2. Stock oder die Höhensonnenlandschaft benutzen.

    Nach dem Crash...


    Während ich meinen Vorsatz, 45 min. ohne Pause zu schwimmen, auf 60 Minuten aufstocke, ist das Becken etwas leerer geworden. Schöne orientalische Jünglinge stehen melancholisch und nach heutiger Mode komplett enthaart am Rand und möchten wohl gern den Gleitsprung wagen, was der Bademeister allerdings mit wachsamem Blick verhindert; junge und nicht mehr so junge Studentinnen begeben sich auf die Wasserpiste; man sieht einen furchterregend Ganzkörper-Tätowierten, der für den Harpunier Queequeg in Moby Dick oder den Rahmenheld von Ray Bradburys Storysammlung Der illustrierte Mann Modell gestanden haben könnte. Vor vielen Jahren, als ich selber noch Student war, traf ich beim allmorgendlichen Schwimmen im Sülzer Nikolausbad (bevor es zu meinem Leidwesen geschlossen wurde) von 7.00 bis 8.00 Uhr immer auf einen ziemlich alten Herrn, der beim Kraulen wie ein Sterbender röchelte (ohne Schnorchel) und an Land auch durchaus hinfällig wirkte, aber immer noch mit selbst für Jüngere kaum einzuholendem Tempo seine Runden drehte. Der Bademeister pflegte seine Schwimmkünste als Peripatetiker am Rand mitzuverfolgen, um für den Fall einer notwendigen Wiederbelebung rechtzeitig zur Stelle zu sein, wie mir schien. Aber der Alte hatte es noch immer geschafft und trottete später, wieder angezogen, ganz gemütlich, freilich langsam, seines Weges durch die Sülzer Vorstadt. Möge er sich seines Lebens bei bester Fitness immer noch freuen!

    Der krönende Abschluss meines Agrippabadbesuchs ist der Ausflug in den "Badegarten", wo man sich den leicht ausgekühlten Körper wahlweise in einem Warmwasser- oder Solebecken aufwärmen kann. Ich wähle das Solebecken, das meiner derzeit gereizten Haut hoffentlich wohltut, und kriege sogar einen Platz "unger dä Schwalldusch" (diese Sprüche mit weichem s und gg statt k auf "hessisch" abzulassen, ist ein unfehlbares Mittel, Kornelia zum Lachen zu bringen: "Isch saach Ihne, die Waahmwassäbegge do hinne, jo die midde Schwalldusch, sin allweil mo widder nur fier die Bessävädienä un ned fier uns ahme Kassepaziende, da kriech isch de Fuhspilz, des saach isch Ihne"). Die Schwalldusch ist so ein Segen wie der von C. F. Meyers Römischem Brunnen ("Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt / er voll der Marmorschale Rand"), damit kann man sich, halb in die Hocke gehend, den Nacken massieren lassen oder auch, in gebückter Haltung, Schultern und Rückenmuskulatur bespülen. Die Sole, ein mäßig salziges Sprudelzeugs, erfrischt trotz des warmen Wassers, man soll sie auch nicht sofort abtrocknen, sondern einwirken lassen.
    Anschließend Rückkehr in die Duschenzone und in die Umkleidekabine, wo mal wieder irgendein Proll, diesmal (vermutlich, leider) weiblich, die gebrauchten Qu-Tips liegengelassen hat, um sie nicht die drei Schritte zum nächsten Mülleimer mitnehmen zu müssen. Sich die Ohrkanäle zu säubern, gut und schön, aber diese Ohren, so reinlich sie sind, würde ich dann doch gern mal langziehen. Allerdings höre ich auch schon wieder den Singsang der Reinigungskräfte mit Migrationshintergrund, da heißt es aufpassen, wenn man mit blanken Sohlen über die Fliesen läuft, schon mancher ist da unfreiwillig hingeflogen. Und worum geht's? Ein Mädchen hat ihr teures Duschgel in der Dusche liegengelassen und will noch mal rein, soll sich aber dafür die Schuhe ausziehen. Sie möge einfach reingehen und sich den vermissten Gegenstand holen, meint die Putzfrau. Und wenn eine Konkurrentin sich das Duschgel genommen hat und damit duscht? "Dann sagen einfach, ist meines. Haben wir schon alles gelebt!" 
    Aber ich hab noch nicht alles gelebt. Darum rasch anziehen, zwischen den Zehen abtrocknen, Strümpfe und Turnschuhe an. Die Münze in den Schlitz am Drängelgitter, jetzt wird sie natürlich einbehalten, ein Gruß an die Kassiererin und ab geht's per Fahrrad nach Haus.

     


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  • Kopfsalat (Findelgedicht, 29. 7. 2010)

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