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    Adventsprintjob_2018#18Im letzten Kalendertürchen dieses Blogs war von einer Rede die Rede, die der Graf Schlippenbach himmelskurgel der Gbrüder Gerickegegen das demokratische Treiben der 1848er im Berliner Tivoli gehalten hat. Dessen Erwähnung erlaubt mir, noch einmal zu erklären, weshalb das Durchsehen all dieser Familienanzeigen so wichtig und teilweise auch erfolgreich für die Suche nach Lebensdaten ist. Denn es gibt Menschen, die zwar viel Geld verdient haben mit Projekten, aber weniger zur Selbstrepräsentation neigen, also z. B. nicht mit prunkvollen Hochzeiten oder übertrieben geschmückten Grabdenkmälern auffallen wollen, selten Spendenlisten unterschreiben und Bücher subskribieren, nicht geadelt oder zu Kommerzienräten ernannt werden und auch sonst wenig von sich hermachen. Vielleicht haben sie als ehrbare Handwerker einfach etwas Geld angespart und mit Grundstückskäufen Glück gehabt, eine Geschäftsidee gehabt, die einschlug und zum PublikumsAdventsprintjob_2018#18magneten wurde, dann aber den ganzen Betrieb verkauft und sich zur Ruhe gesetzt oder ihre Ehefrau machen lassen. So war es mit dem Tivoli, als dessen Gründer in der einschlägigen Literatur die "Gebrüder Gerike", abwechselnd auch "Gericke" erwähnt sind, ohne dass die Lebensdaten zu erfahren wären. Ich weiß sie auch nicht! Eine spätere Weißbier-Brauerei steht mit dem Namen Gerike in Zusammenhang, ob das Nachfahren sind oder nicht, dem kann ich hier nicht weiter nachgehen. Das Tivoli wurde jedenfalls Mitte 1829 im damals noch ländlichen Kreuzberg eröffnet und lockte Familien, die dort an Feiertagen das Denkmal für die Befreiungskriege besichtigen wollten, mit Außengastronomie und "Fahrgeschäft". Der Bericht, den Ludwig Rellstab in der Zeitschrift für die Elegante Welt vom 18.9.1829 Rellstab bewundert das Tivoidarüber schrieb, hob schon hervor, dass es ein Riesenerfolg war. Komponisten widmeten eigene Musiken, ein Ableger wurde in Wien gegründet und sogar die Hohenzollernprinzen ließen sich ab und zu blicken, weshalb die Allg. Preußische Staats-Zeitung berichtete (Nro. 122, 3.4.1830, Beil. S. 922 f.). Die wenigen bekannten biographischen Details über die Gründer des Tivoli sind in einem Handbuch Berliner Goldschmiede zu finden, das Wolfgang Scheffler 1968 veröffentlichte (S. 428); danach waren die Gerikes eigentlich Goldschmiede: Johann Ludwig (um 1800?-nach 1853) und Carl Adolph (1804-nach 1864). gebrüder gericke, einer ausgeschiedenMutmaßlich stammten sie aus Soldin, waren Kinder von Johann Carl und Caroline Friederike Gerike geb. Helwig und ließen sich in den 1820er Jahren als Kaufleute, Erfinder und Juweliere in Berlin nieder. Carl Adolph taucht erstmals 1822 in den Verhandlungen des Vereins zur Förderung des Gewerbefleißes auf und subskribierte 1830 Hegels gesammelte Werke; er heiratete eine Charlotte Wilhelmine Gerike geb. Wilde (1801-1869), die am 22.3.1822 laut Entbindungs-Anzeigen ein Kind in Berlin zur Welt bringt. Sie war offenbar eigentliche Besitzerin des Tivoli und gründete später andere Gewerbe am Kreuzberg: Kaffeehaus, eine gymnastisch-orthopädische Pension und eine Kaltwasser-Heilanstalt, "wie auch eine Anstalt für skrofulöse und bleichsüchtige Kinder" (Angaben aus Boicke's Berliner Adressbüchern).Tivoli Abbildung Ihr Schwager, Johann Ludwig Geri(c)ke, lebte bis mindestens 1853 als Partikulier und Eigentümer "Am Kreuzberg 2". Er und Carl Adolph betrieben gemeinsam ein Juwelier-Geschäft in der Jägerstraße 42; für das Jubliäum des Astronomen Bode fertigten sie eine silberne Himmelskugel mit den kartographierten Sternbildern an. Ein dritter Bruder (es scheint noch mehr zu geben), Friedrich Ludwig Emil Gerike (1792-1870) gründete unabhängig davon seinerseits eine "Gold- und Silber-Waaren-Fabrik und Handlung" am Schlossplatz, Ecke Brüderstraße (Spenersche Nr. 149, 12.12.1822, 2. Beilage). Den Markennamen nimmt der dritte Bruder nicht mitDie anderen waren daraufhin gezwungen, in Anzeigen den Firmennamen "Gebrüder G." für sich zu reklamieren; diese Firma wird laut Handelsregister erst 1879 aufgelöst. Aber der Bruder war wohl trotzdem 1829 an der Investition und mit einiger Wahrscheinlichkeit an der Errichtung der Rutschbahn (die bergab mit Wägelchen befahren wurde; das Prinzip der Rodelschlittenberge) beteiligt. Er und ein Ernst Wagner, "Handelsleute aus Berlin" erhielten laut Wiener Zeitung (26.2.1830) eine Konzession für eine selbsterfundene Rutschbahn und gründeten in Obermeidling einen Ableger des Tivoli. Das Patent auf die österreichische Tivoli-Rutschbahn wird 1834 auf weitere fünf Jahre verlängert und 1836 an Johann Punge abgetreten. Am 8.10.1864 ändert Johann Theodor Rudolf Lange, der die Niederlassung Friedr. Emil Gericke, Brüderstr. 45 Ecke Schloßplatz geführt hat, den Firmennamen in F. E. G. Nachf. Th. Lange, diese Firma wird 22.7.1887 aus dem Handelsregister gelöscht. "Das auf dem Kreuzberg belegene, der Ehefrau des Kaufmanns Adolph Gericke, Charlotte Wilhelmine geb. Wilde gehörige Etablissement 'Tivoli' benannt", wurde am 28.4.1837 laut Staatszeitung versteigert. Offenbar hat Ely Samter, der 1861 Zeitungsredakteur in Berlin war, Charlotte Gerike um ein Darlehen von 7000 Talern geprellt und war nach Paris entwichen, da ging es um Hypotheken-Briefe über Grundstücke, die einer unverheirateten Pauline Auguste Wilhelmine Gericke gehörten. Charlotte verklagte ihn und ließ ihn 1864 und 1865 vergebens vorladen. Ihr Mann Carl Adolph wird im Adressbuch erwähnt, als Eigentümer und Partikulier, einmal als "Vice-Wirth"; 1867 bis 1871 lebte er nicht mehr am Kreuzberg, aber als C. A. sen. in der Yorckstraße 7, Etagenwohnung im Hinterhaus, unter dieser Adresse finden sich 1871 nur noch zwei Personen, "H." und "Th" G., und zwar jeweils als "Lehrerin der schwedischen Heil-Gymnastik" und möglicherweise Töchter des einst den Tivoli betreibenden Ehepaars.


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