• Die christsozialistische Einheitspartei Bayerns (CSU) hat ihren Fortschrittswillen einmal mehr unter Beweis gestellt, indem sie gefordert hat, Migranten, Asylanten und ähnliche Bevölkerungsgruppen auf -anten (Simulanten, Sündpathisanten, Patentanten und deren Verwandten) mögen angehalten werden, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern gerade auch zuhause im Familienkreis Deutsch zu sprechen. Deutsch und deutlich! hieß der ähnliche, seit Tausend Jahren erhobene Einwand gegen akzentbehaftete Nuschler, Tuschler und Mauschler. Nachdem dieser Leitantrag an den CSU-Parteitag in letzter Sekunde wieder verwässert, dafür aber ein zur Flüchtlingsunterkunft destiniertes Wohnhaus in Oberfranken verfeuert wurden, wäre zu überlegen, ob nicht in Deutsch-für-Ausländer-Kursen zuallererst Brandschutz-Kommandos durchzunehmen sind. Ein Ruf wie "Alles raus!", den Aleksandr Kulisiewicz bei seinem Aufenthalt in Sachsenhausen hörte und am Ende seines Jüdischen Totengesangs mit dem Wohlklang einer SS-Befehlshaberstimme intoniert, sollte zum festen Vokabular jedes mehr oder minder freiwilligen Deutschlandreisenden gehören.

    Türchen vierzehn

    Mich erinnerte die Diskussion an die alle paar Jahre wieder aufgekochte Forderung von Heinz-Rudolf Kunze ("Dein ist mein ganzes Herz") nach einer Quote für deutschsprachige Schlagermusik in Rundfunkanstalten. Bitter nötig, denn die hiesige Urbevölkerung bevorzugt noch immer Negermusik und tut sich ja selber schwer im Gebrauch der deutschen Sprache, weshalb man während des Krieges von 1870/71 ein Bußgeldsystem in Berliner Sal..., äh, Gesellschaftsabenden eingeführt hat (für die Verwendung jedes französischen Ausdrucks wanderte ein Bußgroschen ins Schweinderl). Jener sprachpolitische CSU-Antrag, den seine Erfinder jetzt herunterspielen, wird uns noch lange beschäftigen! Er wird ebenso wenig Episode bleiben wie der Herzenswunsch der Autofahrer, die besonders in München umzingelt sind von mautfordernden Österreichern und Italienern. Sie sehnen sich nach Vergeltung in Gestalt einer Maut auf die von Zwangsarbeitern gepflasterten "deutschen" Autobahnen, die nun bald Realität wird - hundert Jahre nach Entfesselung eines Weltkriegs, als erstmals deutsche Panzer über die seit Römerzeiten mautfreie "Via Belgica" rollten, um nach Frankreich zu gelangen. Die schiere Absurdität verbürgt den Erfolg der Schikanen gegen alle, die an Deutschlands Grenzen zu wohnen sich erfrechen, oder sie gar zu überschreiten trachten. Willkommen in der Zukunft, die wir vergeblich hinter uns ließen!


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  • Am Barbarossaplatz hat der erste vegane Supermarkt eröffnet. Also nicht mal in der Südstadt oder im Studentenviertel, sondern an einem Umsteige-Verkehrsknotenpunkt unweit der Innenstadt, mitten im Büroviertel. Betritt ein Carnivore den Laden nach Feierabend mit Aktentasche, Gürtel am Hosenbund oder Halblederschuhen, dann hebt die Verkäuferin (sie hat Plastiktreter aus chinesischen Folterkindergärten oder Elfenstiefel aus Bast und Orchideenblättern an den Schweißmauken) schon die Brauen. Andererseits ist es der einzige Laden, wo man laktosefreie Adventskalender kaufen kann! Jetzt erheben sich schon kritische Fragen: Hä? Laktosefrei ist doch praktisch jeder Kalender, der vorliegende auch? Schon recht, aber richtige, dreidimensionale, hinterrücks mit Süßkram gefüllte sind gemeint, die Füllung kann Spuren von Schokolade, Nüssen, Mandeln, Sesam, und leider auch von Milch enthalten. Eine englische Firma schafft Abhilfe, aber die einzigen zwei Modelle, die sie anbietet, zeigen vorn einen knubbelnasigen Weihnachtsmann, der wahlweise Martinsgänse peta-mäßig aus dem Stall befreit (nicht der Fuchs, sondern eine Art Dachs hält die martialische Metallschere gegen die vorhängschlossbewehrte Kette) oder seinen Rentieren unterm Weihnachtsbaum vorliest, vermutlich zwei Abschnitte aus dem vierten Buch von Döblins Berlin Alexanderplatz über den Berliner Schlachthof. Macht man, wie es sich gehört, eine nach der andern die 24 Türen auf, so findet sich dahinter keineswegs Schokolade aus laktosefreier Milch, sondern je ein quadratisches, aus Sojaextrakt mit Chemie zusammengepapptes Icon, dessen allmorgendliche Errätselung ein bisschen wie Bleigießen zu Sylvester ist...

    Türchen dreizehn

    Neulich war's beispielsweise das obenstehende Symbolbild, es lag genau in dieser Anordnung hinter dem elften Türchen. Hin und her haben wir überlegt, ob das jetzt ein Wasserkran sein soll (mein Vorschlag) oder das kugelige Haupt eines Schneemanns mit Zylinder und Schal (meine Lebensabschnittsgefährtin - nein, der Fleck in der Mitte der Kugel ist kein Monokel, da gab es etwas Abrieb auf der Scanner-Glasfläche, als ich den Deckel zu dynamisch daraufwarf) - , aber wieso sollte man in christlicher Vorfeiertagslaune ans Händewaschen denken, Katholiken haben was gegen übertriebenen Körperkult, oder als Atheist einen Schneemann auf die Guillotine schicken, zum Ausmerzen der Konterrevolution muss man doch nur das sozialistische Tauwetter abwarten? Bei Drehen des Quadrats um 90° nach rechts erschien das Dargestellte als Kurbel am Leierkasten (schon jetzt wirkt es wie die Kurbel an der Kaffemühle), bei 90° nach links ließ sich mit knapper Not ein Ungeheuer identifizieren, das gerade an der Wasseroberfläche von Loch Ness aufgetaucht ist und den Hals reckt. Wenn einem meine Kommentare hier auf den Seiten unverständlich vorkommen, muss man genauso vorgehen. Ganz wie in der mittelalterlichen Theologie, Interpretation im vierfachen Schriftsinn: Wörtlich, typologisch, tropologisch, anagogisch - kippt einfach den Bildschirm links, kopfüber, konsequent alles um 360° - dann kapiert man's gleich besser!


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  • Jetzt dran denken: nix mehr verschenken! Wozu wollen die Leute auch alles umsonst haben. Schließlich ist der Erwerb für das Gut dasselbe wie der taoistische Weg für das Ziel. Wie wenn einer dreißig Stromkilometer rudert, um am anderen Ende Wein zu probieren. Ich vergeude mich z. B. mit einem Haufen akribischer Detail-Informationen aus dem weiten Feld des nutzlosen Wissens. Daher manche, wenn sie mit mir reden, auch an information overload zu ersticken vermeinen.  Das liegt zum Teil an meinem nicht geringen Erfahrungsschatz.  Z. B. wollte meine Frau dieses Weihnachten mal wieder verreisen und buchte eine Ferienwohnung in einem Moselort, in dem ich nachweislich schon mal Wein getrunken habe, siehe Etikett. Es war nicht damals bei der Saubrätkirmes von Wittlich, auch nicht auf der einen Fahrradtour, bei der mich der Sonnenstich ereilte und schon in der Trierer Jugendherberge auf das Lager warf. - Aber als wir, drei braungebrannten Jungs damals, es muss ca. 1973 gewesen sein, mit dem Ruderkahn an den Rhein kantaperten, haben wir hier und da angelegt und uns jeweils beim nächsten Wohnzimmerverkauf den begehrten Traubentrank abgeholt, garantiert naturrein und für 1, 25 DM die Flasche, die wir dann bei der Weiterfahrt im schaukelnden bateau ivre leerten, ich rauchte, damals eine Macke von mir, "Villiger Kiel" und hatte einen verformten grauen Filzdeckel auf, gibts noch'n Foto von. Das war natürlich nicht die einzige Pünderich-Pulle, und aus Trittenheim, Mehring, Kröv u. a. sind ebenfalls je ca. zwei unterschiedliche Etiketten überliefert.

    Türchen zwölf

    Dass ich mich ausgerechnet in dem Kaff schon mal aufgehalten hatte, konnte meine Frau nicht wissen, aber der Beter kehrt bekanntlich immer wieder an den Gnad-Ort zurück, und eine höhere Vorsehung wollte wohl, dass ich mal sehe, was inzwischen, seit der Glucose-Affäre, den Kellergeister-Verschnitten und der zunehmenden Konzentration auf dem Nahrungsmittelsektor (Asbach Uralt an einen US-Konzern verkauft!) aus den Steillagen von Meister Siweris geworden ist. Ob der überhaupt noch im Geschäft ist? Man kennt das ja, Landwirtschaft heißt frühes Aufstehen und karge Buchführung, den Familienbetrieb will keiner übernehmen, die Tochter, damals Weinkönigin, sitzt als grüne Proporzfrau im Kreishaus, der Sohn hat eine gutgehende Praxis als Sterbehelfer, die Enkel sind längst nach Köln abgewandert, wo sie irgendwas mit Medien machen. Sic transit gloria mundi! Und ich bin ja auch nicht mehr Süßesiebzehn, sondern müsste, wenn ich ehrlich bin, längst mal an einer 60-minus-Party teilnehmen. Dabei ist es mir, als wär die Moseltour mit ihren gefühlten drei Dutzend Schleusentalfahrten erst gestern gewesen, das von Mosella glucksend In-den-Schlaf-geschaukelt-Werden, während die anderen lieber auf dem Festland im Zelt nächtigten, und wie wir damals bei einbrechender Dämmerung zu lange weiterdümpelten, obwohl wir nicht mal Positionslampen hatten, und uns dieser mit hundertachtzig Sachen rasende Riesencontainerfrachter mit seinem Saurierauge-Scheinwerferkegel erfaßte und brüllend Alarm trompetete, und wirwashastewaskannste "aus dem Weg" gerudert sind, weil wir sonst in tiefster Nacht vom Mahlstrom der Schiffsschraube untergepflügt worden wären...


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  • Was tun, wenn eine Kollegin im Büro in Tränen ausbricht, weil der Hausarzt ihr infolge asthmatischer Reaktionen das fortgesetzte Halten ihrer Katze verbietet? Ist das nun ein Fall von seelischer Grausamkeit, wenn es geraten erscheint, den Schmarotzer nach jahrzehntelanger Symbiose noch vor Weihnachten vom Wirtstier zu trennen bzw. sich ersatzweise einen Nacktmull, eine Manx-Katze oder ein Terrarium anzuschaffen? Im neuen Aldi-Prospekt sind die edelsten Geschenke vorgestellt, um Vierbeiner unterm Weihnachtsbaum zu beglücken (Hunde freuen sich an Bäumen mehr als Katzen, glaube ich). Und wohin mit dem armen Tier in der gefühligen Jahreszeit des Erbarmens, triefender Menschlichkeit und liebevollen Familienglücks, doch nicht ins Miezhaus abschieben, um nicht zu sagen, ins Katzett? Dass die Felle winzige, geruchlose und mit bloßem Auge unsichtbare Härchen absondern, die jede Nase in der Nähe einatmet, ist mir schon früher bewußt gewesen. Mir schwellen allerdings auch nicht die Augenränder davon an, und die Luft bleibt mir auch nicht weg. Den Aldi-Chef selber konnte man zu Weihnachten immer mal mit einem Oldtimer (72,7 Millionen Euro) oder mit moderner Kunst (48 Millionen Euro) erfreuen, wie wir jetzt aus dem Prozess gegen seinen Aficionado erfahren, der die Sammelstücke zu Aldi-Bedingungen d.h. mit max. 3 Prozent Provision für die Oldtimer, 5 Prozent für Kunstwerke anschleppen sollte...

    Türchen elf


    Da lob ich mir Surrogate aus Gips, wie den obigen Mops, ohne den ein Leben bei weitem nicht so sinnlos wäre wie ohne Godot oder Loriot, und wenn man es edler und teurer haben will, bietet sich Porzellan aus dem 18. Jahrhundert an. Diese Figürchen ziehen zwar, statt auf Staubmäuse Jagd zu machen, eher eine Staubschicht an, aber dafür muss man sie nicht füttern oder per Katzenklappe nach draußen lassen, und bei Nichtgefallen können sie auch mal - hoppla - vom Regal fallen. OK, noch sind sie nicht sozial interaktiv wie computeranimierte Gollums, lassen sich nicht streicheln und schnurren tun sie auch nicht. Oldtimer soll man ebensowenig im Berufsverkehr nutzen, man parkt sie dekorativ vor dem Palast, und was moderne Kunst betrifft, so ein Haifisch in Gelee ist auch nicht gerade kuschelig. Betrachten wir die Katzen doch wie die Alten Ägypter als Anlagemodell, sie halten nicht nur den Geldspeicher mäusefrei, sondern verbrennen freundlicherweise auch die Kohle, die wir für Tierpsychologen, Tierheilpraktiker, Tierfriseure oder ihre diamantbesetzten Flohhalsbänder ausgeben könnten, bevor wir was Dümmeres damit anstellen.


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  • Gestern hat der von der Bundesregierung eingesetzte Prekariatrat, ein Gremium von Fachleuten, den geistigen Armutsbericht veröffentlicht. Das Ergebnis ist niederschmetternd: die Geistesgaben sind, wenige einzelne konnten sich das schon denken, höchst ungleich verteilt! Bei größeren Zusammenschaltungen von Generationen und Milieus sinkt das Niveau. Für unterfunktional Hirnaktive sind zwar eine Reihe von Prothesen erfunden worden, ich denke an Zwitter, Juhutjub, Fratzbuch, Duhmm und andere Computerspiele zum Dauerdaddeln auf dem Smartphone. Schwierigkeiten macht nicht nur der Erfassen zusammenhängender Texte, sondern Einsicht in die Notwendigkeit der inneren Struktur des Weltganzen als solchem überhaupt, wie man ja auch bei mehrfachen Einschüben parataktischer Nebensätze, die der Erläuterung weder bedürftig noch fähig sind, bei Nichtbeachtung der übergeordneten Regelhaftigkeit des Satzganzen, gefolgt von mehrfachen einschränkenden Negationen, nur unschwer den Überblick aus den Augen zu verlieren sich nicht entbrechen kann. Drum kauen wir meist lieber ein und dasselbe mehrmals durch, statt zu wirklich neuen Gedanken aufzustreben. Nehmen wir das Kommunistische Manifest von Karrrrl Marx und Friedrich Engels. Das fängt doch mit dem herrlich schlichten Satz an: "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen." Zack, bumm! Nix mit "Goldenes Zeitalter", Vertreibung aus dem Paradies, früher alles besser, wir lebten nur in dem "Mittel"alter dazwischen, das die Wiederherstellung des dann für ewig verheißenen Utopias, das volle Programm mit Jungfrauen, Manna und Gratis-Downloads, vorbereitet, nä nä nä, "Alle bisherige Gesellschaft", verstandibus? hat nur eine Geschichte, nämlich "die von Klassenkämpfen." Kein Rütteln und kein Deuteln, erst als Marx richtig tot war, nämlich am Beginn des Zeitalters der Sozialdemokratie, die für das Himmelfahrtskommando der Abschaffung seit jeher existierender unnatürlicher Zustände keine Freiwilligen mehr rekrutieren konnte, fügte Engels in der englischen Ausgabe von 1888 für Armleuchter die begütigende Fußnote hinzu, das heiße, "genau gesprochen, die schriftlich überlieferte Geschichte" etc., und ließ das alte Eiapopeia folgen von einer angeblich "urwüchsigen kommunistischen Gesellschaft" mit (ausgerechnet!) indo-germanischen Bio-LPGs von Neanderthaler-Kommunarden, wo, immer noch Engels, "Dorfgemeinden mit gemeinsamem Bodenbesitz die Urform der Gesellschaft waren von Indien bis Irland", und so heiter, und so doof.

    Türchen zehn

    Als oller Skeptikus nähre ich den Verdacht: Plus ça change, plus c'est la même chose. Ein Satz, der gemeinhin Jean-Baptiste Alphonse Karr, dem Erfinder der Karrnerarbeit zugeschrieben wird. Er war Schriftsteller in Paris, Herausgeber des Figaro und Gründer von Le Journal, bevor er sich in Nizza dem Blumenzüchten widmete und in Saint-Raphaël verstarb. Unter anderem schrieb er eine Voyage autour de mon jardin, sicherlich ein Fortschritt nach der Reise um mein Zimmer in 48 Stunden des Xavier de Maistre, Bruder des bekannten ultrakonservativen Staatsmanns. Aber was ist überhaupt Fortschritt? Als das Kommunistische Manifest herauskam, war de Maistre schon in Sankt Petersburg und Karr sorgte sich, "que les femmes ne se dénaturent en voulant se perfectionner, et n’abdiquent les plus belles prérogatives de la nature, en aspirant à exercer les tristes privilèges du sexe qui lui fait envie". Ewig währt nichts, außer der Geschlechterrollenverteilung: Männer in die Politik, Frauen ans Herdfeuer!


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