• Hinter dem letzten Türchen war vom Elysium die Rede, das können sich Fromme aller Denkungsarten ja ganz unterschiedlich ausmalen. Die guten alten Vorstellungen von klebrigen Brünnlein, wo Milch und geläuterter Honig sprudeln, oder vom Löwen, der seiner Antilope die Hufnägel schneidet, sind mir nach all dem "Why and Terror" meines nun schon angejahrten Lebens gar nicht so unsympathisch. Der Gedanke einer prinzipiellen Verträglichkeit von Fraßkonkurrenten bei gleichzeitiger Umkehrung des Beuteschemas wäre mir jedenfalls sympathischer als Hirseberge, sechs Dutzend minderjährige Jungfern oder Seligenseilbahnen über zuschnappenden Höllenschlünden, von denen in anderen Konfessionen gemunkelt wird. Para-Diesseitsideen sind nur zu oft mit spinnerten Belohnungs-Betrafungs-Katalogen aus dem Gruselkabinett spiritueller Sadomasochisten verbunden. Gehen wir doch dem "Himmel-Fimmel" (Hugo Efferoth) mal ganz praktisch und bodenständig-radikal (von radix, die Wurzel) auf den Grund: In einer Fernsehsendung habe ich gestern erfahren, daß Broccoli, Blumen- oder Grünkohl sowie Radieschen als Mittel gegen Metastasen helfen sollen. Wichtig ist vor allem, den Kohl nicht in Wasser auszukochen, sondern vorsichtig zu dünsten (just steamed stand auf dem Zettel, den Marlene Dietrich an den Gemüsetopf heftete, als es ihr Liebling Erich Maria Remarque am Magen hatte) und vorher auf dem Hackbrett kleinteilig zu zerspellen, um die Kapseln mit gutem, krebsdämmenden Senföl "aufzubrechen". Brassica oleracea ist in allen Varianten eine Augenweide: Der ziertürmchensprossende Romanesco beispielsweise erinnert ans Himmlische Jerusalem, angeschnittener Rotkohl sieht wie eine sich ins Unendliche verzwirbelnde Mandala aus, und Rosenkohlknubbel am Strunk wirken wie direkt aus dem "Tal der Seepferdchen" in der Mandelbrotmenge geerntet. Das ist wohl meine Lieblingsidee vom Jenseits: ein blumenkohlwolkiges Peri-, Puri- Paradies - mit mittelaltem Gouda überbacken, in sahniger Soße oder pur - würde mir munden. Pereat mundus! Dazu paar Radieschen am Tag, aber gut zerkleinert genießen.


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  • Nachdem ich meine erste "Abmahnung" erhalten habe, wohlgemerkt nicht durch den Arbeitgeber, dagegen könnte ich klagen, sondern durch meine Hauswirtin, ist mein Rechtsempfinden in den Grundfesten erschüttert. Vermieter sind offenbar noch besser dran als Verleger. Ursprünglich wollte ich Verleger werden, um ungestraft Möchtegern-Autoren und Sprachquäler durch ironische Absagebriefe mit meiner ätzenden Kritik quälen und beleidigen zu können. Vemieter haben's noch besser, können nach Herzenslust rufschädigen, verleumden und ehrabschneiden. Es genügt, anonyme Stimmen zu zitieren, die angeblich oder tatsächlich diese oder jede Beschwerde vorbringen: Man habe nachts um halb 3 bei offener Flamme lauten Rock'n'roll gehört, sei nackt, in Kriegsbemalung und mit Indianer-Kopfschmuck in die Wohnung einer Hausbewohnerin eingedrungen und dort ausfällig geworden, der Klatschtrine vom zweiten Stock sei das Wort abgeschnitten und sie selber die Kellertreppe runtergeschmissen worden... dagegen kannst Du nicht klagen, nicht mal auf Unterlassung, das wird erst relevant, wenn die angedrohte Kündigung kommt, DANN erst müssen Vermieter Beweise für den vorgetragenen "Sachverhalt" beibringen. (Allerdings genügt dann auch kein Winken mit eidesstattlichen Erklärungen mehr, die Denunzianten/-innen müssen ihre Unterstellung vor dem Richter wiederholen, und das könnte ins Auge gehen.) Seit deren Anwalt der Schmuddeltante das Zauberwort "bedrohliche Haltung" eingeredet hat, schreit sie mich nachts an, sobald ich es wage, nach 22.00 - wenn sie den Hund auf der Wiese kacken lässt - auf meiner Terrasse zu stehen und wortlos-stumm die warme Novemberluft zu genießen, brüllt: ich solle da weggehen, ich bedrohe sie ja schon wieder usw. usf. - Kurz, Abmahnung ist das probate Mittel, seine Mitmenschen als Straftäter hinzustellen. Die einzige Gegenwehr besteht in neuer Abmahnung, der Anti-Anti-Raketen-Rakete, oder soll man es Gegen-, Auf- und Zumahnung nennen? Mein Anwalt hat also jetzt seinerseits die Vermietern "abgemahnt", d.h. verlangt, dafür zu sorgen, daß wir im Haus nicht mehr von Damen behelligt werden, die ihre ereignisarmen Tage damit verbringen, ihre Nachbarn zu drangsalieren. Geändert hat das nichts, aber vermutlich werden jetzt keine beleidigenden Zettel mehr an den Stromkasten gepinnt, die als gerichtsverwertbare Beweise gelten könnten. Man muß das an sich abperlen lassen wie Wasser an der Ente, meint mein Anwalt. So wie in Goethes Gedicht vom Ein- und Ausatmen: Luft stauen und sich ihrer entladen, Systole und Diastole, wie das Meer anbrandet, so wechseln die Gezeiten der sozialen Neurose: Aufgeklärt, abgeklärt, abmahnender und zumahnender Mond. Mein Anwalt würde weitere Mahnbriefe schreiben, notfalls Mietminderungsdrohung, aber das bringe nichts, ich soll aber alles aufschreiben. Na gut...


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  • Im Gegensatz zu der ständigen Redewendung, dies und jenes sei "vorprogrammiert" ist doch, genau betrachtet, gar nichts oder nur das Wenigste vorprogrammiert. König Zufall regiert, alles ändert sich oder bleibt, wenn man damit rechnet, wie's ist, die Chaos-Theorie ist in Wahrheit fröhliche Praxis. Dabei rege ich mich gar nicht über das Wort selber auf wie die Grammar Nazis, die mit erhobenem Zeigefinger jeden belehren, der etwas für "vorprogrammiert" erklärt, er rede dummen Quatsch, weil "programmiert" vollkommen ausreicht. Danach kannst du die Uhr stellen, es ist bei denen gewissermaßen, beziehungsweise die sind so vorprogrammiert. Es ist übrigens dasselbe Programm, das abläuft, wenn du brauchen ohne zu gebrauchst und bei der Staumeldung ab dem Kreuz Leverkusen vergessen hast, dass man "ab" besser ohne Artikel und dann mit Akkusativ benutzt - mach ich spätestens ab kommenden Montag, versprochen. Hinterher weiß man's immer besser. Wenn ich die Waschmaschine eingeschaltet habe, ist das, was hinter der Bullaugentür passiert, "vorprogrammiert", 90 Grad und Schleudergang beispielsweise, und erst wenn mir einfällt, ich hätte das naturbelassene Alpaka-Pullöverchen besser nicht noch schnell reingeworfen, erwacht der dringende Wunsch, nachzuprogrammieren. Mit Blick auf die beste aller möglichen Welten hätte Leibniz besser von einer vorprogrammierten Harmonie gesprochen, und statt von der Vorsehung sollte der Seelsorger vom Vorprogramm sprechen, das würden seine Schäfchen viel besser schnallen: Liebe Gemeinde, das hier, das ist nur das Vorprogramm, danach gibt's etwas Werbung und den Warnhinweis, das Handy abzuschalten und nicht illegal mitzuschneiden, die Frau mit Eiskonfekt und Chips im Bauchladen kommt noch 'mal rum, vielleicht ruft der eine oder andere aus unserer Mitte ungeduldig, skip intro! - egal, der Hauptfilm fängt erst jenseits an. Ob freilich Hölle, Fegfeuer oder Elysium unserer warten, who knows, aber ist das erstmal entschieden, werdet ihr euch noch alle Finger lecken nach dem Hinterherprogramm, da hätte gern mancher von euch manches ungeschehen gemacht. Lassen wir die Predigtfaxen sein, jedenfalls plädiere ich fürs Hinterherprogramm, nicht nachbessern, sondern Neustart. Kann allerdings daneben gehen, siehe Buddhismus. Wenn die recht haben, werde ich evtl. als Computervirus wiedergeboren, bitte ab Update auf Windows 10, da ist ein Startmenü vorprogrammiert....


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  • Dieser Woody-Allen-Geburtstag mit seinen Retrospektiven, all seine wortreichen Filme über intellektuelle Liebesreigen in New York und pubertäre Beziehungsdebatten haben wehe Erinnerungen geweckt. Da möchte ich auf ein Desiderat hinweisen, das mich seit Dezennien quält. Diesmal nicht ein Begriff oder ein bestimmtes Wort - sondern Zweizeiler, mit denen man von der Augenfarbe auf den jeweiligen Charakter potentieller Verpartnerungskandidaten geschlossen hat (galt für Jungs und Mädchen gleichermaßen). Das ganze Wissen früherer Epochen wird, was wenig bekannt ist, in Kinderreimen und Merkversen tradiert, man denke nur an den Abzählreim Der König von Rom, / Napoleon sein Sohn, / er war noch zu klein, / um Kaiser zu sein, den ich vor etlichen Jahren noch von Kindern im Aachener Raum hörte. Wer weiß das noch, außer diesen Gören, daß Buonaparte seinen leiblichen Sohn zum König von Rom hat ausrufen lassen! Jedenfalls bleiben viele Tradierungen am Ende bei den Kleinsten hängen, auch eine Form kultureller Bildung, von der Erwachsene nichts mehr wissen wollen. So auch Lavaters Physiognomik, die typisch bürgerliche Idee, man könne den höfischen Konsens der versteinerten Mienen und diplomatischen Larven aufbrechen, indem man physiognomische Details auf darin sich (vermeintlich) spiegelnde "authentische" Charakterzüge hin erforscht. Immerhin, eine Wahrnehmungsschule war das allemal. - Die Verse, um die es geht, lauteten in meiner Kindheit:
    erstens, "Blaue Augen, Himmelssterne, / küssen und poussieren gerne!"
    zweitens, "Braune Augen sind gefährlich, / aber in der Liebe ehrlich!"
    drittens, "Grüne Augen, Froschnatur / von der Liebe keine Spur!"
    Blau, braun, grün - ich nenne es die Augenampel. Aber reicht uns das? Drei Farben sind doch nicht das ganze Spektrum der Irisdiagnose? Ich z. B. habe grau-grüne Augen, damit war ich ein für allemal als Froschnatur deklariert, dabei hätte ich schon gern auch etwas poussiert, vom Küssen ganz abgesehen. Also, hier ein paar neue und zusätzliche Vorschläge:
    "Augen wolkig und opak, / lieben nur, was niemand mag!"
    "Augen grau und paßbild-klar, / attraktiv wie'n Formular!"
    "Honigfarb'ne Bernsteinlichter, / über's Jahr beim Scheidungsrichter!"
    Und wieso überhaupt nur Farben, mit ihrem Drumherum sagen die Augen viel, viel mehr!
    "Rot geädert, schlecht geschlafen, / Wrack mit Notlicht sucht den Hafen!"
    "Netzhaut körnt wie Entengrütze? / Partner lebt von Altersstütze!"
    "Dunkellila Augenringe: / lesend deine Nacht verbringe!"
    Alles genau wie bei Lavater. Im Einzelfall stimmt's entweder fast immer, oder meistens nicht so ganz, oder gar nicht.


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  • Statt Adventskalender möchte ich mal jeden Tag ein Wort aufschreiben, das mir fehlt. Die meisten Begriffe haben gar kein Gegenteil, das hat mich schon immer gewundert. Z. B. sind eilige Sachen immer gleich "überfällig", womit wahrscheinlich angedeutet werden soll, daß sie eigentlich "fällig" sind, bloß so ein bisserl über den Fälligkeitstermin hinaus, schon sind sie überfällig. Und zwar dann gern gleich "längst überfällig", was immer das heißen soll. In erster Linie trifft das auf Reformen, Rücktritte oder Schuldeingeständnisse und historisch-kritische Editionen obskurer oder vergessener Autoren zu. Erst jetzt wieder im FOCUS, " Es ist längst überfällig,: dass Frau Merkel den Kurs korrigiert", oder die Grünen: "Stärkere Kontrolle privater Sicherheitsunternehmen längst überfällig", natürlich auch die Visa-Freiheit für die Türken, der EU-Gipfel für Afrika oder der Ausstieg aus der Kohleverstromung... und das sind nur die ersten von angeblich ungefähr 19.000 Google-news-Ergebnissen. Eigentlich würde es reichen zu sagen, die sind "fällig", oder wenn's denn sein muß, "längst fällig". Was soll das blöde "über" immerzu? Das bringt mich auf die eigentlich viel interessantere Frage, was wir als "unterfällig" bezeichnen könnten. Wenn wir ehrlich sind, betrachten wir doch die meisten vor uns liegenden Aufgaben als "unterfällig". Das hat noch Zeit, brauch ich jetzt wirklich nicht, lass stecken,mañana... Denn die längst überfälligen Anliegen oder Verpflichtungen nehmen unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Machen wir doch keine To-Do-Listen mehr, sondern To-postpone- oder Unterfälligkeits-Listen, bleiben wir gelassen und warten es teetrinkend ab, diese Lok kommt bestimmt auch noch am Verschiebebahnsteig zum Stehen. Und dann können wir in aller Ruhe aufspringen. Langfristig unterfällig. Ein Hoch auf die Prokrastination!


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