• Heute in der Zeitung: VW-Skandal "löst sich in Luft auf". Hehe, hätt'ste gerne, ist aber nicht. Der Balke im Auge des andern ist der Splitter im eigenen, das Wasser hat gar keine Balken, Luft ist kein Wasser und die meisten Probleme sind nicht einmal wasserlöslich. Wie soll etwas sich "auflösen", was womöglich stinkige Immissionen hinterläßt, weshalb der ehrliche Engländer ja auch "to end in smoke" dazu sagt. Überhaupt würden wir alle, wenn das ginge, lieber von gehärteter Luft leben, als unser Brot im Schweiße des Angesichts zu verzehren. Zähren, Brot, Schweiß, Blut, nichts davon löst sich in Luft auf. Denn die Luft ist ja auch gar nicht "leer" oder irgendein nichtendes Nichts, wie der Nirvanagläubige uns einreden will, vielmehr besteht die Luft aus allerlei Sauer- Stick- und Schwebestoffen und anderem Gewebe, wenn die Umrisse verschwimmen, ist das nicht immer die ungeputzte Brille schuld oder die Bildstörungsstreifen beim Windows-update.


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  • Der Nerd treibt sein Unwesen als ein "sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan" seit 2004 auch im Duden. Früher hieß das im Englischen "Schwachkopf", sonst nichts. Komischerweise hat sich in der Dudenredaktion noch nicht das Adjektiv "nerdig" herumgesprochen. Beim Eintippen in die DUDEN-Suchmaschine wird man gefragt, "meinen Sie vielleicht 'pferdig'?" Nee, pferdig kenne ich nicht, finde ich aber pfundig. Obwohl ich das Wort allenthalben höre, z. B. beim Brillenkauf neulich. Die sei zu nerdig, diese Brille, meinte meine Lebensabschnittsbevollmächtigte, und wählte für mich eine andere. Jetzt fehlt eigentlich nur noch die Verbform, "nerden". Kommt bestimmt noch. Es wäre schön, wenn es "nerven", oder "nervig" ersetzte, damit das Adjektiv "nervig" wieder in seine alten Rechte eintreten kann. Es hieß mal "von Nerven durchzogen", also z. B.  "nervichte Hände", oder: "Die nervige Schreibart, wo starke Gedanken gleichsam zusammen gedränget werden." Nerden wäre schon deshalb ein schönes Tätigkeitswort, weil sich - Reimesschmeide aufgepaßt! - eine Homophonie zu "erden" anbahnt. Mit "nerden" könnte man sowohl Songtexte aus dem Elektrikermilieu als auch Geburtstagsgedichte (80 Jahr weilt er auf Erden...) munitionieren. Ganz abgesehen vom Festgemauerten in Fulgura frango! Den Nerd hat ja eigentlich Woody Allen mit seiner Brille erfunden, als er noch als Stand-up-comedian die Borschtsch-Route entertainte ("alle dachten seitdem, ich wäre ein Intellektueller, bin ich gar nicht, ätsch"). Da fällt mir ein, von Entertainment gibt es auch kein Verb, wieso eigentlich nicht? A propos, wußtet ihr schon, daß das Wort Borschtsch das Wort mit den meisten Konsonanten hintereinander ist (jedenfalls im Deutschen)? Nicht sechs, nicht sieben, nein, acht Konsonanten hintereinander.


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  • Der soll dem IS jetzt zugedreht werden, heißt es überall in den Nachrichten. Er muß also irgendwo "munter sprudeln", wie die notorisch schlampige Klischeesprache hinzufügt. Der Wasserhahn kann das nicht sein, aus dem kommt in der Regel "stilles" Wasser. Sprudliges ist meist unter Hochdruck und das Herunterladen schon eines gescheiten Glases Bier aus dem Faß ist nicht so einfach zu bewerkstelligen - erst muß gespundet werden (bei Waffenkäufen dieses Ausmaßes wohl eher gestundet). Oder ist der Geldhahn ein metaphorisierter Tiername wie die Staubmaus, die Wäschespinne und der Wandervogel? Dann hätt ich das Hervorbringen barer Münzwährung eher mit dem Sparschwein, der goldenen Gans oder dem Esel assoziiert (by the way, wer hat den Artikel Wert eines Goldesels aus Wikipedia gelöscht? Der bot immerhin ein sinnvolles Rechenmodell zur Entlarvung windiger Investitionsofferten!). Dieser wertschöpfenden Fauna hat Noah auf seiner Arche einen Sonderparkplatz im Zwischendeck reserviert. Wetten? Jedenfalls sind sie nach der Sintflut nützlicher als das goldene Kalb oder Tiere, die mit riskanten Börsenspekulationen aufgefallen sind wie Bulle und Bär, Heuschrecke oder Geier. Was aber den Hahn betrifft, so wissen wir vom Wetterhahn, dass sich sein Profil nach der Windrichtung dreht. Es ist also nicht sinnvoll, ihm den Hals umzudrehen, vielmehr sollte man ihn in die Richtung umlenken, in die er das Bargeld aussprudeln soll, also in die eigene. Dazu bedarf als Douceur des unscheinbaren Regenwurms...


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  • Das Wort fiel gestern im Tatort, und ich habe es auch schon mal von befreundeter Seite gehört. Sonderbar ist die Verwendungsweise. Ärzte bezeichnen damit den Vorgang, ein Medikament abzusetzen, das jemand lange genug genommen hat, um im Organismus eine Art Abhängigkeit zu verursachen. Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel, Weckamine, Antidepressiva. Das soll dann so stickum mit immer kleineren Gaben geschehen. Überhaupt Medikamenten-"gaben", das klingt ja fast adventlich, nach strahlenden Gesichtern unterm Weihnachtsbaum... Die Medizin steckt voller Euphemismen! Der Organismus soll es gar nicht recht merken, wie die Dosis immer kleiner wird. Tja, ha ha, der dumme Körper - mein alter Adam und seine Blödheit, läßt sich von so 'ner uralten Masche hinters Licht führen. Auf die gleiche Weise hat er sich vor etlichen Jahrzehnten immer die Weinbrandbohnen aus der elterlichen Pralinenschachtel geholt, immer grade so wenig, damit's nicht "leer" aussah und keinem auffiel. Dafür mußte man sich zu stiller Stunde ins Wohnzimmer "einschleichen", was ja wohl das Gegenteil des Ausschleichungsvorgangs meint. Aber mal ehrlich, meine Erziehungsberechtigten und ihre cognacschwenkenden Tratschtanten aus dem Kaffeekränzchen hätten Blindschleichen sein müssen, um nicht wahrzunehmen, wie die Weinbrandbohnen nach und nach weniger wurden. Mein Entzug ging ohne Ausschleichmanöver über die Bühne. Weinbrandbohnen sind sooo Fünfziger Jahre und gar nicht mehr mein Fall, es kamen dann die "Edlen Tropfen in Nuß" auf, und seit die Toffifee mit ihren sieben Fruchtzwergen zu meiner Hochzeit erschien, beschlichen mich allenfalls noch düstere Ahnungen. Aber das Wort ausschleichen merke ich mir, gibt ja viele Gelegenheiten, wo man sich entfernen möchte, ohne allzu große Lücken zu hinterlassen. Aus drei bis vier großen Verbänden bin ich in den letzten Jahren ausgetreten, und habe manche Freundschaft gar nicht kündigen müssen, die Kontakte schliefen ein, Auseinanderleben hat sich von selbst ergeben. Ab und zu ne Weihnachtskarte, damit es nicht gar zu abrupt aussieht, dann hat man länger nichts mehr voneinander gehört, vergißt die neue Telefonnummer oder e-Mail-Adresse rumzugeben, danach ist Funkstille bis zum Auseinandersterben. Der Organismus merkt das gar nicht, der ganze Kram geht auch ohne uns weiter. Dieser Blogbeitrag kann der erste von den letzten sein!


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  • In einem alten Tagebuch las ich das interessante Wort, dessen metaphorische Anwendung mir nicht ganz klar ist. Das Tagebuch einer Dame aus dem Jahr 1829 berichtet vom Wiedersehen mit einer Jugendfreundin, die sich vom Schneidern ernährt und deren Mutter noch immer bei ihr lebt. "Sie ist ein armes Wesen, dessen Erziehung vernachlässigt und dessen Leben durch die eigne Mutter versömmert worden ist." Jetzt such ich den verdammten Ausdruck bei Google, werde aber durch eine der zahlreich aufpoppenden Klickzwangskacheln vergrämt, da soll ich mein Einverständnis mit den Datenverwertungsgeneralerlaubnis dieser Suchmaschinenkrake durch ja, ja und ja bestätigen. Es gibt nicht mal die Option "Danke, jetzt nicht!" Also gehe ich zu Ixquick, wo mene persönlichen Irrwege durchs Netz nicht aufgezeichnet und dämlichen Server-Popanzen in USA übermittelt werden. Finde von dort in ein digitalisiertes altes Pflanzenbuch: Die Erziehung der Pflanzen aus Samen. Ein Handbuch für Gartenfreunde, Gärtner, und Samenhändler von H. Jäger, Großherzoglicher Hof-Garteninspector in Eisenach. Toller Fund! das kommt in meine Lesezeichen. Im full text finde ich diese Stelle, die mir aber nicht zu passen scheint.

    XVIII. Das Verstopfen oder Pikiren der Sämlinge. 
    
    35. Verstopfen (Versömmern, Pikiren) heisst ein Verpflan- 
    zen der Sämlinge im jugendlichsten Zustande, wenn sie noch so 
    klein sind, dass sie weder sofort in das freie Land, noch auch 
    einzeln in die zur Weitercultur bestimmten Töpfe etc. gepflanzt 
    werden können. 


    Ich bin ganz begeistert, denn das mache ich auch immer mit den Tomaten, Prunkwicken und dem anderen Zeug, das ich teilweise gar nicht identifizieren kann und das sich dann beim Aufwachseln als Sonnenblume oder Nelke oder Dill entpuppt. Aber irgendwie paßt es nicht zu der Tagebuchstelle. Ich versuch's bei Yahoo, dort finde ich Hinweise auf das Wort "versömmern" als landwirtschaftlichen Ausdruck, der "1. sonnen; 2a. (das Vieh) auf die Sommerweide …2b. (vom Vieh) im Sommer" bedeuten soll. Gibt irgendwie auch keinen Sinn. In einem Artikel über den bodenseekreis, wo ich schon mal in Urlaub war, wird ein Interviewpartner zitiert. "Das Sömmern, das heißt das Trockenlegen eines Teiches über den Sommer, haben wir schon immer gemacht..." - Bon, vertrocknen, das gibt möglicherweise einen Sinn. Ich kehre zu meiner Quelle zurück und schau sie mir noch mal an. Bis es mir wie ein Scheuklapp aus den Haaren fällt, das Wort heißt gar nicht versömmern, sondern "verkümmern", au weia. Hätte ich mir gleich denken können. Sage mir, was du denkst, und ich denke mir, was da steht!


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