• Den Jahresrückblick können wir vergessen. Die Kanzlerin hat's auf den Punkt gebracht, das ist nicht zu toppen. Es war "...ein unglaubliches Jahr", so Angela Merkel in einer kürzlich gehaltenen Rede, "letztlich schwer zu fassen: eine solche Dichte, eine solche Abfolge von Ereignissen, so was habe ich zumindest noch nicht erlebt!" Auch ich habe soviel Fassungsloses noch nicht erlebt, jeder Tag vollgepropft mit Stunden, diese wiederum mit Minuten und die wieder mit Sekunden, und jedesmal wenn der Zeiger weitertickt ist wieder was passiert! Dabei ist das meiste davon immer eine Wiederholung und Steigerung aus dem letzten, vorletzten vorvorletzten usw. Jahr: Mohammedkarikaturenereiferungsgetöse, Terrorwahntötungsmesserattacken, Amokbombenabwurfskalaschnikoffherzlosigkeit, Idiotenmasseneventguinnessrekordweihnachtssingen, Datenübermittlungsglasglockenfleischbeschau, Sprengstoffgürtelzündungshemmung, Internetverblödungssozialquatschsystemabgreife, Klimavernichtungsanwärmegletscherschmelzfluß, Gleichstellungsverneblungsdiskriminierung, Computervirenzerstörungsbefallwerbung, Ökotestautoabgasgeschummel, Korruptionsaffärenverleugnungsinterviews, Doktorarbeitenplagiierungswurst, Bankenkundenkreditbehumse, Preistreibmittelteuerung, Lohnkürzungswegquetschungsmobbing, Flüchtlingsunterbringungshilflosigkeitsnot, Pegidadresdonnerbrandgefackel, Lebensmittelskandalfälschungsgiftzusatz, Kunstauktionsverschleuderung und natürlich Arbeitslosigkeitsvervielfachung nebst Renteneinebnung infolge Robotisierung. Sogar die Bücher bringt man in der UB nicht mehr lebenden Bibliothekaren zurück, man steckt sie in einen Schlitz und eine Quittung wird ausgespuckt (wenn's nicht grad eine komplizierte online-bestellte Fernleihe ist, für die man am Automaten bezahlt, aber das kriegen die auch noch hin). Studenten-, Behinderten- und Minderbegabtenjobs fallen weg, die armen Schweine sitzen in den mehr oder minder betreuten Wohnungen rum, wenn sie noch welche bezahlen können, und kommen auf dumme Gedanken und damit geht alles wieder von vorne los.


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  • Der Ausdruck "dumm wie Brot", eben erst aus aktuellem Anlaß ausgesprochen, hat sich bei uns erst nach dem gleichnamigen Polizeiruf 110 eingebürgert. Im Drehbuch bezeichnete er einen Kleinkriminellen, der das Diebesgut aus einem ÖPNV-Überfall sogleich im Internet an den interessierten Kunden verscherbeln will und dadurch natürlich auffällt. Aber wieso sollte Brot dümmer sein als z. B. Basmatireis oder Pasta oder Getreidepampe, wovon sich die halbe Menschheit, und zwar brotlos, ernährt? und ist weiches, weißes Sandwich-Toastbrot irgendwie dümmer als kerniges, braunes Vollkornmalzdinkelkraftkrümelbrot? In der Bibel hat mich schon immer das Jesuswort beeindruckt, "das Salz ist dumm geworden", womit wohl das ganze "Salz der Erde" gemeint ist. Das Salz ist auch schon mal klüger gewesen, vielleicht, als es noch nicht so viel Zeit in der Gewürzmenage mit der Pfeffermühle, dem Olivenöl und dem mählich vor sich hin austrocknenden Balsamico-Essig vertrödelt hat. Merkwürdig, diese Intelligenzmessungen auf der Basis von Grundnahrungsmittel-Vergleichen. In meiner Jugend sagte man noch "dumm wie Bohnenstroh", es handelte sich wohl um das Kraut von Futterbohnen, aber als Bohnenkraut ist es dann auch wieder gewürzmäßig schätzenswert, oder? Auch "strohblöd" oder "strunzdämlich" oder "volldoof" kamen in Betracht. Aber Vorsicht, "blöde" ist nicht gleich "dumm", in älteren Texten heißt blöde einfach "schüchtern". "Steh nicht so blöde da herum" ist eigentlich eine ganz nette Aufforderung, die Schüchternheit zu überwinden und sich auch z. B. zum Essen an den gemeinsamen Tisch zu setzen. Doof dagegen - rückwärts gelesen: "food" - ist das niederdeutsche Wort für "taub", und das scheint wieder besser zum Salz zu passen, es könnte doch heißen "das Salz ist taub geworden" (weil es nicht mehr recht würzt), analog zum tauben Gestein, das die begehrte Mineralie nicht enthält. Andererseits kann einem die Zunge taub werden, wenn man vor lauter überschießender Intelligenz zuviel satirisches Salz in die Rede mischt.


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  • Gestern kam ein katholisches Heftchen (Herder Thema) ins Haus. Das Periodikum scheint sich vorwiegend an Glövenixe zu wenden, eine Art Atheisten-Chrismon, ständig wird thematisiert, wie dies oder jenes von Nichtkirchenmäusen wahrgenommen oder beurteilt wird. Ein Artikel heißt Wie areligiös ist areligiöse Kunst wirklich?  Händels Messias; Bachs Matthäus-Passion, heißt es irgendwo, "geben vielen Skeptikern oder Nichtgläubigen Gefühle der Hoffnung", aha. Hoffnung, daß das Weihnachts-, Pfingst- und Ostergezimbel im Radio bald mal wieder vorbei ist und der übliche Hemba-hemba-Schlager wieder auflebt? Martin Walser im Interview mit Marx, äh, Bischof Marx: "Wenn der Atheist sagt 'Gott gibt es nicht', dann hat er schon von ihm gesprochen", ätsch! Thema dieser unverlangt eingesandten Gratisausgabe ist lt. Cover "Freude & Hoffnung, Trauer & Angst im Spiegel der Künste". So weit, so gut aufzumischen. Im Spiegel der Künste (Sonderbeilage des Hamburger Wochenmagazins, der Augstein im eigenen ist das Alpenmassiv in der Pupille anderer) sieht der Betrachter alles spiegelverkehrt. Bei Ausbau einer grammatischen Tiefenstruktur wird's komplexer. Z. B. ein Essay über "die tiefsten Gefühle in der Musik" mit dem Obertitel Trauer bringt oft Hoffnung. Ist nicht auch das Gegenteil richtig? Hoffnung bringt oft Trauer. Erproben wir, ob das mit anderen Überschriften auch geht. Eine heißt Vertreibung: Trauer und Angst. Hm. Trauer: Angst und Vertreibung funzt auch. Ebenso ist Vertreibung: Angst und Trauer kein übler Titel. Schweigen ist Beten ohne Wünsche. Oder vielmehr Beten ist Wünschen ohne Schweigen? Dann kann demnach Wünschen ist Schweigen ohne Beten nicht ganz falsch sein. Bingo! Die haben ihre Titel aus einem rotierenden Phrasometer. Gibt's heute alles als App.


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  • 7 Jahre schlechten 6 soll man kriegen, wenn man beim Zuprosten tief ins Glas schaut statt in die Augen des Gegenübers. Wieviele Leute gibt es, die EXTRA die Augen zukneifen oder weggucken ("immerhin - sieben Jahre überhaupt welchen!"), wenn sie nah genug rangelassen würden zum Zuprosten... Jakob, Sohn eines Flickschusters, später Zwerg Nase genannt (von W. Hauff) mußte, in ein Eichhörnchen verwandelt, sieben Jahre Küchendienst bei der Zauberin Kräuterweis tun, der er die Kohlköpfe nach Hause getragen hatte. Danach roch er an einem Kraut, der Fluch wurde abgemildert und er war kein Eichhörnchen mehr, nur noch ein krüppliger Zwerg, der für einen Herzog kocht. Was hat die Hexe mit ihren verwunschenen Kleinnagern noch angestellt außer die Haushaltsarbeit auf sie abgewälzt? Glaubt man den Iren, schweben Flüche sieben Jahre wie Geier über dem Haupt des Verwunschenen und stürzen sich erst auf ihn herab, wenn dessen Schutzengel mal nicht aufpaßt. 7 ist eine Heilige Zahl, 7 Jahre grünt der Baum des Lebens, dessen Wurzel 7mal geteilt ist, in 7 Jahren erneuert sich das Feuer der Sonne und des Mondes, nach 7 Jahren kommt dieselbe Woge wieder an den Strand, um erneut zu zerschellen. "Sieben Jahre, sieben Meere" singt Roger Whittaker, und wenn die Tochter sieben Jahre lang siebenhundert siebenundsiebzig Hemden spönne, würden die 7 Raben (ihre Brüder) wieder Menschengestalt annehmen. Der Fluch könnte doch abgemildert werden, warum nicht alle 7 Jahre schlechten 6? Dann kämen welche, die extra tief ins Glas oder wegschauen: Immerhin! überhaupt mal alle sieben Jahre 6!

     


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  • Obwohl ich immer wieder davor gewarnt habe, hat sich die "Chance auf" inzwischen totalsprachlich durchgesetzt und ist nicht mehr aus dem Wortschatz wegzumäkeln. Man achte darauf, wie häufig der Imperativ "Sichern Sie sich Ihre Gewinnchance auf..." ertönt. Ich wurde kürzlich sogar gefragt, ob es wohl ins Englische übersetzt "the Chance on" hieße! Erstens gibt es nicht viele Chancen, und zweitens sind die so vage, daß man sie nicht "ab origine teleologisch funktional" (Lorenzo Picotti: Zwischen 'spezifischem' Vorsatz und subjektiven Unrechtselementen. Ein Beitrag zur typisierten Zielsetzung im gesetzlichen Tatbestand, Berlin 2014, S. 50 f.) festnageln darf, sonst gehn sie flöten. Das soll nicht heißen, daß man nicht die Chance hätte, im Lotto zu gewinnen oder keine "Chance auf" dem (Dativ!) Arbeitsmarkt hätte. Zum Bleistift die Chance, einen Job zu bekommen. Aber merke: Eine Chance ist keine Option, keine Aussicht, keine Perspektive: wir haben kein Anrecht "auf" die Chance. Sie ist mehr so ein Begehren, eine Utopie, eine Gelegenheit - alles Wörter, die ich auch schon mit "auf" gehört habe, seit die "Chance auf" derart eingerissen ist. (Allerdings habe ich die "Gelegenheit auf eine Remedur" schon in einem Buch von 1796 entdeckt). Es gäbe Genitive, Verbalkonstruktionen, aber nein - der Siegeszug der Präposition "auf" plus Akkusativ ist nicht auf-zuhalten. Rolf Schulmeister hält (in E-learning: Eine Bilanz. Kritischer Rückblick auf Basis eines Aufbruchs, Münster u. a. 2009, S. 317 ff. - allein der Buchtitel reizt auf zum Brüllen) den Computer für ein "Versprechen auf die Zukunft". In Christian Ortner: Hört auf zu heulen. Warum wir wieder härter werden müssen, um unseren Wohlstand zu schützen, Wien 2013 (auch ein Titel, den man nachschmecken sollte), finde ich S. 141 ein "Heilsversprechen auf". Die "Verheißung auf Christus'" treibt theologischerseits schon lange ihr Unwesen, u.a. in Christof Levin: Verheißung und Rechtfertigung. Gesammelte Studien zum alten Testament II, Berlin u.a. 2013, S. 7.  Aus Schuld und Sühne wurde Verbrechen und Strafe. Ich geb's "auf" und schlage vor, den Bestseller von Houellebecq neu zu übersetzen. Die Möglichkeit auf eine Insel. Auf eine Sprachinsel bitte, und dann Ohrenschützer auf.


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