• Im Gegensatz zu der ständigen Redewendung, dies und jenes sei "vorprogrammiert" ist doch, genau betrachtet, gar nichts oder nur das Wenigste vorprogrammiert. König Zufall regiert, alles ändert sich oder bleibt, wenn man damit rechnet, wie's ist, die Chaos-Theorie ist in Wahrheit fröhliche Praxis. Dabei rege ich mich gar nicht über das Wort selber auf wie die Grammar Nazis, die mit erhobenem Zeigefinger jeden belehren, der etwas für "vorprogrammiert" erklärt, er rede dummen Quatsch, weil "programmiert" vollkommen ausreicht. Danach kannst du die Uhr stellen, es ist bei denen gewissermaßen, beziehungsweise die sind so vorprogrammiert. Es ist übrigens dasselbe Programm, das abläuft, wenn du brauchen ohne zu gebrauchst und bei der Staumeldung ab dem Kreuz Leverkusen vergessen hast, dass man "ab" besser ohne Artikel und dann mit Akkusativ benutzt - mach ich spätestens ab kommenden Montag, versprochen. Hinterher weiß man's immer besser. Wenn ich die Waschmaschine eingeschaltet habe, ist das, was hinter der Bullaugentür passiert, "vorprogrammiert", 90 Grad und Schleudergang beispielsweise, und erst wenn mir einfällt, ich hätte das naturbelassene Alpaka-Pullöverchen besser nicht noch schnell reingeworfen, erwacht der dringende Wunsch, nachzuprogrammieren. Mit Blick auf die beste aller möglichen Welten hätte Leibniz besser von einer vorprogrammierten Harmonie gesprochen, und statt von der Vorsehung sollte der Seelsorger vom Vorprogramm sprechen, das würden seine Schäfchen viel besser schnallen: Liebe Gemeinde, das hier, das ist nur das Vorprogramm, danach gibt's etwas Werbung und den Warnhinweis, das Handy abzuschalten und nicht illegal mitzuschneiden, die Frau mit Eiskonfekt und Chips im Bauchladen kommt noch 'mal rum, vielleicht ruft der eine oder andere aus unserer Mitte ungeduldig, skip intro! - egal, der Hauptfilm fängt erst jenseits an. Ob freilich Hölle, Fegfeuer oder Elysium unserer warten, who knows, aber ist das erstmal entschieden, werdet ihr euch noch alle Finger lecken nach dem Hinterherprogramm, da hätte gern mancher von euch manches ungeschehen gemacht. Lassen wir die Predigtfaxen sein, jedenfalls plädiere ich fürs Hinterherprogramm, nicht nachbessern, sondern Neustart. Kann allerdings daneben gehen, siehe Buddhismus. Wenn die recht haben, werde ich evtl. als Computervirus wiedergeboren, bitte ab Update auf Windows 10, da ist ein Startmenü vorprogrammiert....


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  • Dieser Woody-Allen-Geburtstag mit seinen Retrospektiven, all seine wortreichen Filme über intellektuelle Liebesreigen in New York und pubertäre Beziehungsdebatten haben wehe Erinnerungen geweckt. Da möchte ich auf ein Desiderat hinweisen, das mich seit Dezennien quält. Diesmal nicht ein Begriff oder ein bestimmtes Wort - sondern Zweizeiler, mit denen man von der Augenfarbe auf den jeweiligen Charakter potentieller Verpartnerungskandidaten geschlossen hat (galt für Jungs und Mädchen gleichermaßen). Das ganze Wissen früherer Epochen wird, was wenig bekannt ist, in Kinderreimen und Merkversen tradiert, man denke nur an den Abzählreim Der König von Rom, / Napoleon sein Sohn, / er war noch zu klein, / um Kaiser zu sein, den ich vor etlichen Jahren noch von Kindern im Aachener Raum hörte. Wer weiß das noch, außer diesen Gören, daß Buonaparte seinen leiblichen Sohn zum König von Rom hat ausrufen lassen! Jedenfalls bleiben viele Tradierungen am Ende bei den Kleinsten hängen, auch eine Form kultureller Bildung, von der Erwachsene nichts mehr wissen wollen. So auch Lavaters Physiognomik, die typisch bürgerliche Idee, man könne den höfischen Konsens der versteinerten Mienen und diplomatischen Larven aufbrechen, indem man physiognomische Details auf darin sich (vermeintlich) spiegelnde "authentische" Charakterzüge hin erforscht. Immerhin, eine Wahrnehmungsschule war das allemal. - Die Verse, um die es geht, lauteten in meiner Kindheit:
    erstens, "Blaue Augen, Himmelssterne, / küssen und poussieren gerne!"
    zweitens, "Braune Augen sind gefährlich, / aber in der Liebe ehrlich!"
    drittens, "Grüne Augen, Froschnatur / von der Liebe keine Spur!"
    Blau, braun, grün - ich nenne es die Augenampel. Aber reicht uns das? Drei Farben sind doch nicht das ganze Spektrum der Irisdiagnose? Ich z. B. habe grau-grüne Augen, damit war ich ein für allemal als Froschnatur deklariert, dabei hätte ich schon gern auch etwas poussiert, vom Küssen ganz abgesehen. Also, hier ein paar neue und zusätzliche Vorschläge:
    "Augen wolkig und opak, / lieben nur, was niemand mag!"
    "Augen grau und paßbild-klar, / attraktiv wie'n Formular!"
    "Honigfarb'ne Bernsteinlichter, / über's Jahr beim Scheidungsrichter!"
    Und wieso überhaupt nur Farben, mit ihrem Drumherum sagen die Augen viel, viel mehr!
    "Rot geädert, schlecht geschlafen, / Wrack mit Notlicht sucht den Hafen!"
    "Netzhaut körnt wie Entengrütze? / Partner lebt von Altersstütze!"
    "Dunkellila Augenringe: / lesend deine Nacht verbringe!"
    Alles genau wie bei Lavater. Im Einzelfall stimmt's entweder fast immer, oder meistens nicht so ganz, oder gar nicht.


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  • Statt Adventskalender möchte ich mal jeden Tag ein Wort aufschreiben, das mir fehlt. Die meisten Begriffe haben gar kein Gegenteil, das hat mich schon immer gewundert. Z. B. sind eilige Sachen immer gleich "überfällig", womit wahrscheinlich angedeutet werden soll, daß sie eigentlich "fällig" sind, bloß so ein bisserl über den Fälligkeitstermin hinaus, schon sind sie überfällig. Und zwar dann gern gleich "längst überfällig", was immer das heißen soll. In erster Linie trifft das auf Reformen, Rücktritte oder Schuldeingeständnisse und historisch-kritische Editionen obskurer oder vergessener Autoren zu. Erst jetzt wieder im FOCUS, " Es ist längst überfällig,: dass Frau Merkel den Kurs korrigiert", oder die Grünen: "Stärkere Kontrolle privater Sicherheitsunternehmen längst überfällig", natürlich auch die Visa-Freiheit für die Türken, der EU-Gipfel für Afrika oder der Ausstieg aus der Kohleverstromung... und das sind nur die ersten von angeblich ungefähr 19.000 Google-news-Ergebnissen. Eigentlich würde es reichen zu sagen, die sind "fällig", oder wenn's denn sein muß, "längst fällig". Was soll das blöde "über" immerzu? Das bringt mich auf die eigentlich viel interessantere Frage, was wir als "unterfällig" bezeichnen könnten. Wenn wir ehrlich sind, betrachten wir doch die meisten vor uns liegenden Aufgaben als "unterfällig". Das hat noch Zeit, brauch ich jetzt wirklich nicht, lass stecken,mañana... Denn die längst überfälligen Anliegen oder Verpflichtungen nehmen unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Machen wir doch keine To-Do-Listen mehr, sondern To-postpone- oder Unterfälligkeits-Listen, bleiben wir gelassen und warten es teetrinkend ab, diese Lok kommt bestimmt auch noch am Verschiebebahnsteig zum Stehen. Und dann können wir in aller Ruhe aufspringen. Langfristig unterfällig. Ein Hoch auf die Prokrastination!


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  • So, jetzt habe ich es doch sage und schreibe 4 Wochen hintereinander geschafft, jeden Tag was hier einzustellen. Ob das ab jetzt so weitergeht, möchte ich bezweifeln. In solcher Fülle purzeln mir auch nicht die nötigen Ideen durch die Birne, und ohne Einfall keinen Ausfall. Und ein Bildmotiv flattert mir auch nicht alle Tage ins Haus wie neulich - was ich für das große Finale aufbewahrt habe, voll knisternder Verheißung...

    Türchen vierundzwanzig - geschafft!

    Ein Vorhang, der sich langsam öffnet, und Bretter, die die Welt bedeuten mögen ... was mag sich da Gleißendes hinter dem Vorhang verborgen halten... grell aufblitzend wie die Halogenscheinwerfer einer auf dem Radweg in Gegenrichtung auf uns zu rasenden Benzinschleuder, mit SUV-Kopp am Steuer... flackernd wie in schwärzester Nacht die Scheiben brennender Irrenhäuser... und weshalb linst es geifernd durch die muffigen Vorhänge der offenbar ziemlich heruntergekommenen Striptease-Bühne, man sehe nur auf die ausgeleierten Bodendielen, anstatt in aller Ruhe den nächsten großen Auftritt zu erwarten? wieso bleibt es nicht in der Garderobe und schminkt sich, bis es aufgerufen wird? Hat es gar keine Angst, noch vor dem Gongschlag ausgepfiffen und mit Tomaten und faulen Eiern beworfen zu werden? Eins ist sicher, wir werden vom Kunstlicht geblendet, wenn es vorn an die Rampe tritt. Könnte ein Film ein... z. B. Hobbit? der Endkampf der Orks mit Zwergen, Elfen und Aragorn, Arathorns Sohn? Buchstaben sind zu erkennen... steht da etwa FUCK? oder AFD? oder FRAGIDA? oder alles zusammen, wie auf der Postkarte, die mir eine aufstrebende Spaßpartei geschickt hat? Oder ist es eine andere, aufstrebende F-Partei, die mich mit diesem Bildmotiv zu ihrem traditionellen Neujahrsempfang (aber erst am 12. Januar, wenn das neue Jahr schon voll im Gang und Fass' Rum ist) ins Düsseldorfer MARITIM einlädt? Wenn es das ist, was ich vermute, dann bleibt es vorerst im Zuschauerraum sitzen, auf den billigeren Rängen. Den Vorhang zu, und alle Frager hoffen!


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  • Okay, gestern habe ich meine Patientenverfügung formuliert, wonach einzig und allein Felix Wuff vorgelassen werden soll, der auch über das Schicksal meiner transplantationsfähigen Organe entscheiden darf, wenn mein Kontroletti-Selbst, das schlechtere Ich im Nebel der Verblödung entschwunden ist. Aber dann machte ich eine fasche Bewegung auf dem Laptop, um etwas zu korrigieren, und schwupps war der ganze Blogeintrag verschwunden. Dass ich ihn dann einigermaßen rekunst-roieren konnte, zeigt doch, dass es mit neuronalen Netzen und synaptischer Verbindung in der schwappenden grauen Hirnmasse noch einigermaßen fluppt. Dass soll aber nicht heißen, ich könne mich annähernd vergleichen mit dem seltsamen Heiligen, den ich nicht in einem buddhistisch-tibetanischen Kloster vorgefunden habe, und der hier im Bilde zu sehen ist:

    Türchen dreiundzwanzig

    Habe ich schon erwähnt, dass in Oberschwaben die Wiege der deutschen Kultur zu suchen ist? Althochdeutsche Glossen, mittelhochdeutsches Minnelied, barocke Puttenengelstrompetenchöre mit echten Instrumenten, rebellische Bauernführer, die unter Berufung aufs göttliche Recht die Gleichheit der Menschen einforderten, aufgeklärte Fürstbischöfe mit Schlossgärten, durch die ein Wieland mit Sophie von La Roche lustwandelte und in Duodezbändchen lateinisch-griechische Erotik-Klassiker las, hier ist so ziemlich alles versammelt, was gut und (mir) teuer ist! Aber gestern habe ich mir - vorgezogenes Weihnachtsgeschenk - einen sog. Datenport gekauft mit 1 000 000 000 000 Byte Speicherplatz, und werde darauf die geschätzten 15.000 jpegs Manuskript, das ich aus grottenschlechten, über- oder unterbelichteten Mikrofilmen der 19-siebziger Jahre transkribiere, gesammelt aufspeichern. Mein Datenport für 79,90 (zurück: 0,10 €) ist intelligenter als ich! Verdammt, ich weiß immer noch nicht, an welchem Abend ich die Mülltonnen in der Ausnahme-Weihnachtswoche rausstelle und ob die mit gelbem (Verpackungsmüll) oder blauem Deckel (Papier) dran sind. Derartigen Routinequatsch muss ich im "Abfuhrkalender" der Entsorgungsbetriebe nachschlagen oder im Internet suchen, wo es für Doofe bei Eingabe von Straße und Hausnummer erklärt wird. Diese Daten kommen auf den NSA-Müllberg zu den anderen soundsoviel-99 Bytes, die über meine armselige Existenz versammelt sind. Jedenfalls kann ich nicht gleichzeitig zurück- und in die Zukunft sehen, während ich die Gegenwart ins Auge fasse wie der Heilige - oder ist es der Dreieinige himself? - aus der Benediktinerabtei Ottobeuren. Hier möge er jeweils den "Geist der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht" verkörpern, von dem der arme Scrooge bei Charles Dickens geplagt wird.

     


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